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Veröffentlicht: 15.02.2017, 21:18 Uhr

Geoff Dyers „Aus schierer Wut“ Das definitive Buch über Prokrastination

So viele miese Künstler wie in New Mexico gibt es nirgendwo sonst: Der britische Schriftsteller Geoff Dyer sucht die Lebensstationen von D. H. Lawrence auf und findet Trost bei Rainer Maria Rilke.

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© Getty Na ja, Farm? Wohl eher eine bescheidene Hütte, jedenfalls das ehemalige Domizil von D. H. Lawrence nahe Taos, New Mexico.

Die Lebensorte eines Dichters aufzusuchen und, wenn man dann dort ist, nicht das zu finden, was man hoffte: Diese Erfahrung hat wohl mancher schon gemacht. Aber kaum je wurde sie so witzig und zugleich melancholisch beschrieben wie in Geoff Dyers Buch über D. H. Lawrence, das nun mit beinahe zwanzig Jahren Verspätung auf Deutsch erscheint.

Jan Wiele Folgen:

Das wirft die Frage auf: Warum eigentlich so spät?, und bei einigen vielleicht auch: Wer ist eigentlich Geoff Dyer? Dass der 1958 in Cheltenham im englischen Gloucestershire Geborene hierzulande immer noch eine Art Geheimtipp zu sein scheint, ist verwunderlich, da er fraglos zu den besten zeitgenössischen englischen Schriftstellern gehört.

Vielleicht liegt es auch daran, dass sein Werk ziemlich heterogen ist: Er hat mehr essayistische Bücher als Romane geschrieben, darunter vor allem Reisebücher, ein in der englischsprachigen Welt vielbeachtetes Buch über Jazz, eine Studie über den kürzlich verstorbenen Dichter und Maler John Berger und ein Buch über Andrej Tarkowskijs Film „Stalker“. Dyer ist auch Journalist: Aus einem Aufenthalt auf dem amerikanischen Flugzeugträger USS George Bush etwa machte er ein hintergründig-literarisches Reportagebuch mit dem ironischen Titel „Another Great Day at Sea“. Viele seiner Werke verraten bereits im Titel einen Witz, der nicht leicht zu übersetzen ist: „Yoga for People Who Can’t Be Bothered To Do It“ zum Beispiel. Und nicht zuletzt ist er ein anerkannter Kritiker - alles in allem nur vielleicht nicht so der Typ, über den hierzulande Homestorys erscheinen.

Von Sizilien nach New Mexico

Umso schöner ist es also, Dyer bei der schwierigen Entstehung einer von ihm selbst verfassten literarischen Homestory zu begleiten. Oder besser: gleich mehreren, denn im vorliegenden Buch besucht er die Lebensstationen des D. H. Lawrence von Nottinghamshire über Sizilien bis nach Amerika.

Dass dies vor allem ein Buch über Lawrence ist, zählt freilich zu den kalkulierten witzigen Missverständnissen, mit denen man bei Dyer rechnen muss, denn es ist vor allem ein Buch über Dyer. Und in erster Linie ist es ein Buch über die Prokrastination, also das zwanghafte Aufschieben von Dingen. Vielleicht darf man sogar sagen: Dies ist das definitive, jedenfalls definitiv lustigste Buch über Prokrastination, das es gibt.

44673854 © Marzena Pogorzaly Vergrößern Geoff Dyer

Wir sehen am Anfang seinen Verfasser unentschieden zwischen Frankreich und Italien herumreisen, wo er seine Studie über Lawrence beginnen möchte, aber irgendetwas kommt einfach immer dazwischen. In Rom ist es zu heiß, also flüchtet er mit seiner Lebensgefährtin auf eine griechische Insel, nimmt aber die entscheidenden Bücher letztlich nicht mit, da das Gepäck zu schwer würde. Dann will er doch schreiben, wird aber durch einen Mofa-Unfall gehindert und so fort. Immerhin bleibt er unterwegs: in Italien, in England, auch viel in der Erinnerung.

Wolken über Ödford

Das Buch, das ihm dann unter der Hand doch entsteht, ist ein unterhaltsames, böses Reisebuch, das auch heute noch aktuell wirkt, mit ausufernden Exkursen etwa über Meeresfrüchte oder die Grippe, freilich ein zutiefst literarisch inspirierter Text (vielleicht auch postmodern-autobiographischer Roman?), in dem Lawrence nicht zuletzt als Gewährsmann für Dyers zynische Bemerkungen zum Nationalcharakter, nicht nur den der Italiener, herhält. Dyers vertrackte, lange Sätze sind nicht selten Hasstiraden, die sich unter anderem gegen die akademische Welt richten, bei weitem nicht nur die sich mit Lawrence beschäftigende. Oxford heißt bei ihm „Ödford“, und es hängt „eine Wolke aus Dummheit“ darüber.

Endlich in Taos, New Mexico, angekommen, wo Lawrence im Alter lebte, muss Dyer feststellen, dass dessen angebliche Ranch eher eine bescheidene Hütte war, in der es nicht viel zu sehen gibt. Taos scheint ihm dafür „über eine konkurrenzlose Dichte an richtig miesen Künstlern“ zu verfügen.

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So verwitzelt das alles scheinen mag, hält Dyers Buch aber auch ernsthaften philosophischen Trost für all jene bereit, die Schaffenskrisen kennen oder gerade das Gefühl haben, nicht voranzukommen im Leben. Gewährsmann dafür ist Rainer Maria Rilke, der eine beinahe ebenso große Rolle wie Lawrence in diesem Buch spielt, und Dyer findet in einem von Rilkes Briefen die Vermutung, dass gerade die scheinbar müßig verbrachten Tage sich oft im Nachhinein als jene herausstellen, „die wir in tiefster Tätigkeit verbringen“. Mit Rilke fragt sich Dyer, „ob nicht unser Handeln selbst, wenn es später kommt, nur der letzte Nachklang einer großen Bewegung ist, die in untätigen Tagen in uns geschieht?“. Das ist, auch wenn es eine Rechtfertigung für weitere Prokrastination darstellt, eine schöne Hoffnung.

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