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: Bruder, wo bist du?

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Kain und Abel trugen Strickjacken, Lodenhosen und Lederschuhe, sie feierten das Mittsommerfest und übernachteten in Almhütten. Klirrend kalt waren die Wintertage im Lande Nod. Man fuhr Schlitten und Ski, besaß Gewehre, Spieluhren und Bärenfellmützen und schenkte den Damen einen Muff. Die Sintflut ...

          Kain und Abel trugen Strickjacken, Lodenhosen und Lederschuhe, sie feierten das Mittsommerfest und übernachteten in Almhütten. Klirrend kalt waren die Wintertage im Lande Nod. Man fuhr Schlitten und Ski, besaß Gewehre, Spieluhren und Bärenfellmützen und schenkte den Damen einen Muff. Die Sintflut hat alle Gegenstände aus jener Zeit vernichtet; Fichten und Fjorde, Luchse und Bären, Wölfe und Elche sind untergegangen.

          Bei Karl Ove Knausgård treten die Gestalten des Alten Testaments in der Maskerade norwegischer Bauern des neunzehnten Jahrhunderts auf. Keineswegs scheint der norwegische Schriftsteller damit aber die unüberbrückbare Distanz zu dieser biblischen Vorzeit mit dem wärmenden Mantel des noch halb Vertrauten bedecken zu wollen. Vielmehr zeigt er, wie gering unser Wissen um die Vergangenheit ist. Nicht die Details blieben in Erinnerung, sondern nur die nackten Geschichten, die nach Ausschmückungen, erzählerischen Verkleidungen und psychologischer Feinzeichnung verlangen.

          Knausgård betrachtet sie von allen Seiten, liest sie gegen den Strich, kommentiert und deutet sie mit modernem Bewusstsein, arbeitet sich beharrlich vor bis zu ihrem verborgenen Kern. Er erzählt von Paradies und Vertreibung, vom ersten Brudermord, von Noah und der Arche, vor allem aber von den Engeln, deren Spuren vom Beginn der Schöpfung bis in die Gegenwart er verfolgt. Und immer entdeckt er jene Schattenseiten, über die die Überlieferung schweigt.

          Abel zum Beispiel, von dessen Verbrechen sonst nirgends die Rede ist, ist in Knausgårds Lesart so grausam wie kaltblütig. Für seinen schwerfälligen, vergrübelten Bruder, der ihn aufrichtig liebt, hat er, der Schöne und Zarte, nur Spott übrig. Kain, dem das Wort nicht gerade schnell über die Lippen kommt, beobachtet stumm, wie Abel zerstörerischen Sehnsüchten verfällt: nach Lust, Schmerz und Tod, der Erfahrung des Elementaren und der Gesellschaft der Engel. So nah leben die Brüder noch am Garten Eden, dass sie den Lichtschein der Cherubim, die den Baum des Lebens bewachen, sehen können.

          Die Engel aber, so das pessimistische Fazit des Erzählers, sind nicht mehr zu retten, sie "fallen jedoch so langsam, daß sie es selber nicht merken". Heillos verstricken sie sich ins Irdische, begehren Menschentöchter, leiden Hunger, rauben und töten. Auf eigenwillige und verstörende Weise lässt Knausgård in seinem großen Roman ein altes, nicht erst seit Thomas Mann immer wieder verhandeltes Thema anklingen: Erzählt wird vom Selbstverrat des Geistes, der dem Leben verfällt und dafür einen hohen Preis zu zahlen hat.

          Die gefallenen Engel haben Gesichter wie Totenschädel, ihre Haare "sind lang und hell, der Hals schlank, die Handgelenke schmal, die Finger krallenförmig". Zwei dieser nicht eben lieblichen Exemplare beobachtet der kleine Antinous Bellori, gerade elf Jahre alt, beim Fischfang an einem Fluss. Mit der Lebensgeschichte des fiktiven Gelehrten Bellori hat Knausgård einen weiteren Erzählstrang in seinen farbenprächtigen, barock verschlungenen Roman eingebaut. Bellori habe ein erfolgloses Werk "Über die Natur der Engel" verfasst, gedruckt 1584 in Venedig, lange Zeit nur wenigen Eingeweihten bekannt, bis im Jahre 1859 seine nachgelassenen Manuskripte auf einer Auktion in London auftauchten.

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