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: Bruder, wo bist du?

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Die ehrgeizige Theorie vom Fall der Engel, die der Roman entwickelt, stützt sich auf Belloris erfundene Schriften. Die Romanfigur wird zum Kronzeugen eines mutigen gedanklichen Entwurfs. Beherzt wagt sich der Autor an die allergrößten und allerältesten Fragen heran: Ist Gott allwissend und allmächtig? Was ist der Mensch? Wie steht es um seine Seele, diese "Rodung im Wald", die, unbegreiflich für den göttlich Reinen und Makellosen, "immer wieder zuwächst"?

Die Geschichte der Engel und die Erzählungen des Alten Testaments dienen als eine wirkmächtige Deutungsfolie, vor der der moderne, verzweifelt nach Sinn suchende Mensch auftaucht. Langsam, über viele Umwege und Abstecher, aufgefüllt mit essayistischen Partien sowie philosophischen und theologischen Spekulationen, detailliert und elegant zugleich, schreitet der Roman auf mehr als sechshundert Seiten voran bis in die Gegenwart, die als eine entgötterte Zeit imaginiert wird.

Alle Fäden laufen im letzten Kapitel zusammen, in dem die Erzählerfigur Henrik Vankel, Protagonist übrigens auch von Knausgårds 1998 erschienenem Roman "Ute av verden" ("Out of the world"), die verborgene Signatur der Wirklichkeit zu ergründen versucht. Voller Selbstverachtung und innerlich zerrissen, sucht er auf einer verlassenen Insel nach Frieden. Er verfällt dem Sog des körperlichen Schmerzes, fügt sich Messerschnitte zu, um sein Erleben zu steigern. Der Himmel mag verschlossen sein, aber der Schmerz, "der bohrt und pocht und anhält", steht "mit der Unendlichkeit in Verbindung". Während alle Spekulation an jener unsichtbaren Grenze scheitert, die das Denken umschließt, der ermüdenden Einsicht in die Unzulänglichkeit jeder Erkenntnis, bietet die Unhintergehbarkeit des Schmerzes eine letzte Zuflucht. Einer zweifelhaften Welt, die von Ideen geformt ist und sich mit ihnen wandelt, begegnet der Roman mit der Vision eines nihilistischen Schmerzensmanns.

Eine sperrige Botschaft also, mit der der Autor der gegenwärtigen Debatte um das Religiöse einen dunklen Ton hinzufügt. Mit "Alles hat seine Zeit", schon 2004 in Norwegen erschienen, hat der in seiner Heimat hymnisch gefeierte Karl Ove Knausgård, Jahrgang 1968, sich endgültig in die Liga der großen Erzähler der Gegenwart hineingeschrieben. Seine Prosa ist entschlossen und präzise, von berückendem sprachlichen Glanz und überwältigender poetischer Dichte.

Erstaunlich ist, dass Knausgårds gewaltiges Epos vom Niedergang der Engel trotz der Vielfalt an Themen und Geschichten nicht überfrachtet wirkt. Selbst den diffizilsten Erörterungen wird jede Angestrengtheit genommen. Am außergewöhnlichen Talent dieses in Deutschland noch unbekannten Autors kann es nicht den geringsten Zweifel geben: Denn nur ein Meisterwerk kann sich bei so viel Gedankentiefe noch eine schwebende Leichtigkeit bewahren.

ANDREA NEUHAUS

Karl Ove Knausgård: "Alles hat seine Zeit". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Paul Berf. Luchterhand Literaturverlag, München 2007. 640 S., geb., 21,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2008, Nr. 59 / Seite 34

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