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Marie von Ebner-Eschenbach : Briefe verbrennt man gleich oder nie

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Sie war auch einmal jung. Sie war ehrgeizig und unternehmungslustig, witzig, gesellig, sportlich, war nicht immer nur menschenfreundlich, sondern auch boshaft, sie war gar nicht so katholisch wie ihr Ruf und vielleicht sogar verliebt: Marie von Ebner Eschenbach auf einer Photographie aus dem Jahr 1912. Bild: Picture-Alliance

Lange galt Marie von Ebner-Eschenbach als harmlose Erzählerin von Tiergeschichten. Erst neuerdings wird sie als scharfsinnige Realistin gefeiert. Ein spektakulärer Brieffund offenbart die witzige, unangepasste Seite der Baronin.

          Die längste Zeit war ihr Bild das einer Matrone: gütig, weise, tierlieb und harmlos. Das persönliche Image färbte auch auf ihre Literatur ab. Die Autorin von „Krambambuli“ wurde auf das Zwergenmaß einer rührenden Tiergeschichten-Erzählerin zurechtgestutzt. Erst in den letzten Jahren entdeckt man Marie von Ebner-Eschenbach neu, als eine nicht nur poetische, sondern scharfsichtige Realistin, die mit dem Aufsteiger-Roman „Das Gemeindekind“ (1887) die Exklusionsmechanismen der dörflichen Gemeinschaft in den Blick nahm, mit „Božena“ (1876) das Porträt einer böhmischen Dienstmagd von überragender Statur zeichnete und neben Nietzsche mit ihren Aphorismen die Gattung dominierte.

          In diesem Sinne ist die kritische Ausgabe des Briefwechsels zwischen Ebner-Eschenbach (1830 bis 1916) und ihrer langjährigen Freundin Josephine Knorr (1827 bis 1908) von eminenter Bedeutung. Er zeigt: Die Frau Baronin war auch einmal jung. Sie war ehrgeizig und unternehmungslustig, witzig, gesellig, sportlich, war nicht immer nur menschenfreundlich, sondern auch boshaft, sie war gar nicht so katholisch wie ihr Ruf, und sie war, horribile dictu, vielleicht sogar verliebt – und zwar nicht in ihren Gemahl. Gerade die Jugendzeit Ebner-Eschenbachs war bisher aufgrund fehlender Tagebücher unterbelichtet. Überdies vermittelt die mehr als 57 Jahre währende Korrespondenz der beiden Frauen einen anschaulichen Eindruck von weiblicher Autorschaft, literarischem Treiben und adeligem Familienleben in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

          Sammelleidenschaft für prominente Salon-Raubtiere

          Dass die in Innsbruck lehrende Germanistin Ulrike Tanzer die Briefe Ebner-Eschenbachs im Archiv des Schlosses Stiebar im niederösterreichischen Gresten entdeckt hat, ist deshalb eine kleine Sensation, weil die Schriftstellerin die Spuren ihres Privatesten emsig und effizient zu verwischen beliebte. Sie folgte offenbar dem von ihr geprägten Aphorismus „Briefe von geliebten Menschen verbrennt man gleich oder nie“ – und entschied sich oft genug für „gleich“. Von den Angehörigen jener Freundinnen, die sie überlebte (und sie überlebte eigentlich alle), pflegte Marie von Ebner-Eschenbach ihre Briefe zurückzuverlangen und auch zu bekommen. Mit Josephine von Knorrs Erben hingegen stand sie nicht auf vertrautem Fuße, und so überdauerte dieser Schatz hundert Jahre hinter den Mauern von Schloss Stiebar.

          Knapp achthundert der mehr als tausend Briefe, die die beiden Frauen – nach der Rekonstruktion der Herausgeberinnen – im Laufe ihrer Lebensfreundschaft gewechselt haben, sind erhalten. Der erste Brief, ein Brieflein, datiert von 1851; es geht um eine Verabredung zum Theater. Man kennt einander aus Wien, wo die Familien beider Damen den Winter zubringen, im Sommer weilt die verheiratete Baronin Ebner-Eschenbach, vormals Comtesse Dubsky, vorzugsweise auf dem mährischen Familiensitz Zdislawitz, ihrem Geburtsort, während die zeitlebens ledig gebliebene „Sephine“ Freiin von Knorr nach Gresten geht, ein Treffpunkt von Künstlern, Wissenschaftlern und Schauspielerinnen. „Löwenjägerei“ nennen die Freundinnen die Sammelleidenschaft für prominente Salon-Raubtiere.

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