http://www.faz.net/-gr3-45dq

: Brauchen Sie eine Heizsonne?

  • Aktualisiert am

Wer die zwanziger Jahre (sie erstrecken sich bis auf den Dezember 1932) versäumt hat, weil er erst später geboren wurde, oder wer sie zwar erlebte, im so vorher nicht aufgewendeten Geflacker ihrer Lichtreklamen und mit den bettelnden Kriegskrüppeln an den Straßenrändern, mit Pferdewagen und langschnäuzigen ...

          Wer die zwanziger Jahre (sie erstrecken sich bis auf den Dezember 1932) versäumt hat, weil er erst später geboren wurde, oder wer sie zwar erlebte, im so vorher nicht aufgewendeten Geflacker ihrer Lichtreklamen und mit den bettelnden Kriegskrüppeln an den Straßenrändern, mit Pferdewagen und langschnäuzigen Autos, wer sie also zwar erlebte, die legendären Zwanziger, aber weil man noch so klein war und beispielsweise (wie ich) erst 1921 geboren wurde, von schweigsamen Eltern nicht viel über sie erfuhr und von Großeltern gehütet wurde, die noch im Kaiserreich lebten, noch nicht angekommen waren bei Inflation, der wundervollen Josephine Baker und bei allem Schönschlimmen und Schlimmschönen, das sich überschlug in jenen Jahren, wer also zu Recht meint, eine große Zeit versäumt zu haben - er bekommt davon nachgereicht, blattweise, von einer schön anzusehenden Frau: Gabriele Tergit.

          In Berlin wurde sie 1894 geboren, hieß Elise Hirschmann damals und wurde zu Gabriele Tergit nicht durch Heirat, sondern um einen Paravent vor sich zu stellen. Sie schrieb für das "Berliner Tageblatt", die "Vossische Zeitung", "Weltbühne" und "Berliner Börsenkurier", setzte sich 1933 nach einem SA-Überfall in ihre Wohnung nach Prag ab, schrieb dort für das "Prager Tageblatt", und was blieb ihr übrig, als 1938 auch Prag zu verlassen. Sie ging nach London, wo sie weiterschrieb, nach 1946 auch wieder für deutsche Zeitungen, und sie suchte unser Land auch wieder auf, starb aber in London, 1982. Man hätte sie noch gekannt haben können. Und mir jedenfalls tut es sehr leid, daß es nicht so war.

          Das vorliegende Buch enthält auf seinen gut zweihundert Seiten eine Fülle graziöser Handreichungen, mit denen die Autorin uns an den Strömungen der ganz oder halb von uns versäumten zwanziger Jahre teilhaben läßt. Schreibend hält sie etwas hin, und man kann es an sich nehmen: das Treiben im Lunapark - dank ihres Schreibens ist man plötzlich in jenem Vergnügungspark, der nicht seinesgleichen hatte. Die Tergit ist keine Frauenrechtlerin. Beileibe nicht. Sie nimmt Polgar energisch gegen Helen Stöcker in Schutz. Zwar rechtet sie auch mit Männern, aber ohne je zu eifern, geschweige denn zu keifen. Sie zupft am Gehabe der Männer und spottet, und manchmal verhöhnt sie das denkschwache Klettern der Maskulinen auf immer den zuhöchst stehenden Hocker (und sei dessen Standfläche auch noch so klein), während sie der Weiblichkeit mit chevaleresker Gebärde einen weichen, aber niedrig stehenden Sessel anbieten. Sie kämpft, indem sie für Frauen wirbt, die aber ganz ungeschoren auch nicht bleiben: die Weiberwelt im Ausverkauf.

          Das Buch ist durchpulst von den Wahrnehmungen der Autorin in den Zwanzigern. So tauchen Hausierer auf, mit Gott weiß was handelnd: mit Putzmitteln für Lackschuhe und für den Parkettboden, Teppiche bieten sie an und Gipsfiguren, kleingewordene Michelangelos, Gasanzünder der Marke Lurley, Maggis Suppenwürze, Heizsonnen, mäuschenstille Staubsauger, Eierwärmer, mundgemalte Ansichtskarten. Mindestens siebenmal am Tag wurde einem so etwas gleich hingehalten an der Tür, ich erinnere mich daran. Gegen diese Hausierer sind die paar Leute, die einem heutzutage unerwünschte Reklame in den Briefkasten stopfen, distanzierte Herrschaften. Einen "Zug des Elends" nennt Gabriele Tergit das warenschleppende Von-Haus-zu-Haus-Laufen der Hausierer, den Güssen des Abgewiesenwerdens ausgesetzt.

          Auch was die Tergit später schrieb, hat noch das Aroma der zwanziger Jahre, die frische Bubikopfaufmüpfigkeit hat sie beibehalten, weiß allerlei, kennt Rabbi Akibas Äußerungen über das ewig sich Wiederholende des Lebens, fertigt Reger bei der Betrachtung einer Litfaßsäule mit einem Klaps ab: "Ach, das ist nett, daß der Paul wieder mal spielt, ausgerechnet lauter Reger, schade." Realistisch empfindet und hinreißend dürre formuliert sie: "Brackenburg wollte heiraten, Egmont gab Glanz." Wir werden von der Autorin zur übergroßen Berolina geführt, in Hotelhallen und zu Modenschauen, in den Salon einer Wahrsagerin und in den Gerichtssaal Nr. 115 - und das alles mit liebenswürdiger Ironie; nichts Bösartiges kommt von der Tergit aufs Papier.

          Frau Tergit, mit ihren genau beobachtenden Augen, hatte dank ihrer Schönheit, Eleganz und ihrer guten Manieren Zugang zu den Kreisen, die damals auf der Nachkriegssonnenseite sich bewegten, und sie war so klug, unter den Menschen im Zeitenschatten nicht auffallen zu müssen. Sie sah hin, schrieb etwas auf ein Blatt Papier, gab es weiter, und wir empfangen ihre Blätter noch heute als Handreichungen, mit denen uns jene Ära anschaubar, verständlich, mehr als nacherlebbar, nämlich miterlebbar gemacht wird.

          Sehr zu Recht wurde in Berlin, in der Nähe des Potsdamer Platzes, eine Straße nach Gabriele Tergit benannt. Sie wird das übrigens nicht erwartet haben, und erführe sie es im Hades, würde sie sich wundern und versuchen, ihres Geschriebenen habhaft zu werden, um es noch einmal zu lesen. Vermutlich würde sie dann "Ach" sagen. Und reizend lächeln.

          URSULA ZIEBARTH

          Gabriele Tergit: "Frauen und andere Ereignisse". Publizistik und Erzählungen von 1915 bis 1970. Herausgegeben und Nachwort von Jens Brüning. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001. 224 S., geb., 14,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Gschänkli von den Eidgenossen

          Spenden aus der Schweiz : Gschänkli von den Eidgenossen

          Wegen illegaler Wahlkampfspenden aus der Schweiz steht die AfD-Politikerin Alice Weidel unter Druck – das hat auch mit Querelen im Bundestag zu tun.

          Topmeldungen

          Fahrverbote in Deutschland : Der Diesel im Griff der Elite

          Wieder wurden bei einer Entscheidung zum Diesel-Fahrverbot die Leute auf dem Land vergessen, die sich das Leben in der Stadt oft nicht leisten können. Für sie ist der Diesel eine soziale Frage. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.