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Botho Strauß: Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit : Keine Ferne macht dich schwierig

Bild: Diedrichs Verlag

Mehr als Antworten auf Walter Benjamin: Die Reflexionen und physiognomischen Vignetten von Botho Strauß stecken voller Wahrheiten und Geheimnisse.

          Erkennen heißt, mit Abständen und Blickwinkeln spielen zu können. Betrachtet man die Sachen zu nah, dann merkt man nichts. Walter Benjamin war in seinen Schriften der dreißiger Jahre ein Partisan solcher Nähe, in die er unendliche Hoffnungen setzte. Und so begrüßte er damals die Tendenz „der Massen im heutigen Leben“ wie in der Kunst, sich die Dinge räumlich und menschlich näher zu bringen. Nähe und Ferne bilden ein Leitmotiv auch in den Reflexionen und physiognomischen Vignetten von Botho Strauß, die man als späte Antwort auf Benjamin lesen könnte. Denn was ist der Gegenwartsblick, wenn nicht dieser, dessen Preis nun deutlich wird: „So nah und gedankenlos waren wir selten dem nackten Geschehen.“ Der „brutale Distanzraub“ herrscht.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Will man aber zum Denken kommen, dann muss man überhaupt erst den Raum wiederfinden, den das Sprechen braucht, die Ferne. Die Figur, die aus solcher Ferne lebt, nennt Strauß den „Idioten“. So lernen wir ihn gleich im ersten Stück kennen: „Es war beinah, als diene er einem leisen Dauergelächter, das aus den Sphären über die Erde erging, als Medium.“ Er wird aus „unendlicher Ferne belustigt“.

          Dichte Sprache, Dichtung

          Das Bild, das Benjamin so nahe wie möglich hatte bringen wollen, soll nun stark genug werden, „um sich zwischen uns und jetzt zu schieben, einen Spalt zu öffnen, durch den das präsente Bild sehr fern erscheint und wir, was uns vor Augen ist, erst noch zu suchen hätten“. So muss der Dichter alles betrachten, und das nur Genaue wäre gerade das Falsche. „Deshalb gibt es dichte Sprache nur als ein genuines Abschweifen.“ Dichte Sprache, Dichtung. Noch einmal in einer Variation: „Im Gedränge der geschäftigen Vermittler der mittelndste zu sein, der nämlich das Schwerste, Höchste und Fernste, das Unbegreifliche vermittelt, der Dichter.“

          Fragen wir weniger nach der Zeitkritik in diesem Buch und mehr nach den genuinen Einsichten, die es enthält. Denn auf tausend Aufklärungs- und Moderne-Schelter kommt vielleicht einer, der nun wirklich etwas jenseits des Gescholtenen zu sagen hat. Botho Strauß, dessen Roman „Der junge Mann“ (1984) man in die Nähe der klassisch-romantischen Künstlerromane gestellt hat, des Wilhelm Meister und des Grünen Heinrich, schreibt fast beiläufig einen Satz nieder, der von einem beglückenden Wissen zeugt, das man in keinem Seminar der Welt erwirbt: „Gegen Wilhelm und Heinrich kommt in deutscher Erzählung kein anderer Vorname an. Beide sind dynastische Namen des inneren Deutschen.“

          Abwendung von der Geschichtsphilosophie

          So nie gehört, so entschieden, so wahr und dabei so zart! Denn die militanten priesterlichen Gesten der Kritik taugen nichts mehr: „Das Abschreckende des ,Zarathustra’ bei heutiger nackter Lektüre: das geistig martialische, das Willensmuskelpaket, dem der Sparringspartner fehlt, fast ein kämpferisches Grimassieren.“ Stefan George ist eine notwendige, aber nicht mehr tragende Erinnerung: „Der Typus Meister und Führer ließe sich ohnehin nicht wiederbeleben, so wenig wie das paternale Familienoberhaupt oder der Reitergeneral. Den Führer gibt es nur noch als schräge Figur - in einem abwegigen Staat oder einer paranoiden Sekte.“

          Dagegen fällt nun die Hochschätzung Hofmannsthals auf, wohl im Sinne einer Lockerung der Geste. Gegen Ende des Buches, vor dem vierzehnten und letzten der titellosen Abschnitte, liest man: „Herrliches Wort Poussins am Ende seines Lebens: Je n’ai rien négligé.“ Ich habe nichts außer Acht gelassen.

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