24.08.2003 · Botho Strauß verabschiedet sich in seinem neuen Buch von der Politik und begrüßt die Frauen, das Glück und die Liebe
Ein Mann begegnet seiner Vergangenheit. Und er schaudert. Denn seine Vergangenheit redet so viel. Sie schwadroniert unaufhörlich. Von Politik. Von Weltuntergängen, vom schwachen Europa, dem drittklassigen Imitator Amerikas, vom Untergangswillen unseres Volkes, von den Verwöhnten und in Friedenswatte Gepackten und daß all dies endlich, endlich enden müsse.
Die schwatzhafte Vergangenheit ist zweiunddreißig Jahre alt und heißt Lavinia. Den Mann will sie verführen: "Es war nicht zu überhören, daß ihre Ansichten von Satz zu Satz unschicklicher wurden, nur weil sie mich provozieren wollte", denkt er. "Mich verleiten, in ihren Eifer einzustimmen. Oder, wie solche Erörterungen es erheischen, ihnen noch eins draufzusetzen." Doch er läßt sich nicht verführen. Nicht von der Politik. Nicht von der Untergangsrhetorik: "Ich erwiderte ihr, daß mein Leben inzwischen gut ohne politische Leidenschaft auskomme. Ich sei zu der Überzeugung gelangt, daß in einer Welt ohne Weltanschauung auch keine weltanschauliche Rede mehr geführt werden könne." Die Vergangenheit läßt die Schultern sinken, seufzt und sagt: "Das ist aber enttäuschend für mich." Doch der Mann bleibt dabei. Der Mann hat neue Leidenschaften für sich entdeckt. Mit der Politik ist für ihn Schluß.
Botho Strauß hat ein neues Buch geschrieben. Ein Liebesbuch. "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich". Und er hat sich darin weit entfernt von jenem Botho Strauß der Vergangenheit, der mit seinem wütend antiwestlichen, antimodernen "Anschwellenden Bocksgesang" Anfang der neunziger Jahre zum geistigen Repräsentanten der neuen Rechten geworden war, die seinen Text ihren programmatischen Ausrufebüchern wie dem von der "Selbstbewußten Nation" stolz voranstellten.
Auch stilistisch hatte ihn die politische Untergangsromantik jener Zeit in erstaunliche Tiefen geführt. Die schwurbeligen Stilblüten aus dem Prosaband "Wohnen Dämmern Lügen", die traurige Gesichter als "Zwetschgen der Untröstlichkeit" vorführten, das Weltbild der Ameise durch eine "Verkettung des Sichbetrillerns" gesichert und die ganze Erde im "Strudel des Jahrtausendausgusses" verschwinden sahen, haben Karikaturisten zu den schönsten Metaphernwitzbildchen angeregt. Nur langsam kam es im Kosmos des Botho Strauß in den Folgebüchern, dem Uckermark- und Sohnes-Feierbuch "Die Fehler des Kopisten" und dem altersmilden Abschiedsbuch "Das Partikular", zu einer Metaphernberuhigung. Zurück zu einer Sprachklarheit, die der Beobachtungsschärfe, der erstaunlichen Gegenwärtigkeit des Schriftstellers entsprach und die er in seinem neuen Buch zu neuer Meisterschaft geführt hat.
Was natürlich nicht heißt, daß Botho Strauß nun plötzlich zu einem rationalen Wirklichkeitsschriftsteller geworden wäre. Nein. Vernunftverehrung liegt ihm weiter fern. Aber die Liebe zum Irrationalen hat ein neues Ziel und eine neue Leidenschaft. Botho Strauß feiert die Liebe. Er feiert die Frauen. Und er findet ein Glück. "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich" ist die Geschichte einer alten Liebe. Die Liebe des Ich-Erzählers zu seiner Frau Julia, die er in einer Nacht betrügt. Mit Alice. Bei der er schläft. Bei der er unruhig träumt: "In einer Nacht, in der ein Mann umständehalber nicht bei seiner Frau liegt, sondern im fremden Bett bei einer Unbekannten, findet er ohnehin keinen ruhigen Schlaf. Er wälzt den Kopf im Kissen und träumt von tausend Unbekannten, die alle auch noch in sein Leben treten wollen. Er jagt durch die Sphärenwirbel nie gesehener Gesichter."
Und diese Gesichter gehören fast ausschließlich Frauen. In der Welt des Botho Strauß hat das weibliche Geschlecht die Macht übernommen, und man kann nicht sagen, daß es ihm schadet. In jener Traumnacht mit Alice, unterwegs mal mit ihr, mal ohne sie, unterwegs in ihrem Wunderland, findet er Glücksmöglichkeiten an ungezählten Orten.
Aus einer ungeheuer leeren, verwaisten, öden Stadt, von fast allen Menschen nach einem jähen Wirtschaftsabschwung verlassen, geht es zunächst hinab, tief hinab in ein Toten-, in ein Liebesreich. Hinab in eine "Höhle, in die Wohlstand und Müßiggang sich gerettet hatten, während sie den Menschen anderswo, oben und draußen auf der Welt, überall schlecht bekommen waren". Es ist die ideale Stadt aus "Idle Days of the Yann" des irischen Dichters Lord Dunsany, die hier herbeizitiert wird, vermischt mit Lewis Carrols Weltverzauberungsmärchen Alice tief unter der Erde. Alle sind "bei Laune und glücklich", es ist ein "kinderleichtes Miteinander" in Allharmonie und untrüglichem Schönheitssinn, die Uhren gehen anders, der Umgang zwischen Lebenden und Toten ist grenzenlos. Es ist eine "freie Kolonie". Und der Traum geht weiter.
Oben, in der öden Stadt, gibt es einen Nachbau jener "Idle City". Es ist ein Vereinzelungsrestaurant in einer riesigen Brachlandschaft, das Isolationsliebhaber aus der ganzen Welt begeistert besuchen. Der Nachbau ist ein Mißverständnis. Das die dort unten vorgelebte Allharmonie hier, irdisch, nur in der totalen Vereinzelung finden zu können glaubt. Harmonie gibt es für den modernen Irdischen auf Dauer nur mit sich selbst. Allein.
Das ist die Welt unseres Dichters nicht. Er schwebt weiter, in seiner Traumwelt. Schwebt ins Land der Endgeister, die vor langer Zeit verschwunden sind und die, längst vom Weib entmachtet, nur noch als schrumpelige Bilderköpfe in den Nacken ihrer urmutterartigen Frauen zu sehen und leise nur zu hören sind. Weiter zu verlockenden Fußballerinnen, Schauspielerinnen, Sprinterinnen, Wunderdamen, zu Sonja, Marisa und Lady Macbeth, zu geschiedenen Jungfrauen und experimentierfreudigen Neurochemikerinnen. Verlockungen, Versuchungen, die den Dichter mal beunruhigen, mal begeistern, mal befriedigen.
Einige Party-Szenen wirken wie im Drogenparadies, für einige Liebeserlebnisse wird die Biochemie oder Neurochemie zurate gezogen. Ein beunruhigendes Ehepaar, dessen Villa der Erzähler und seine Frau Julia für einige Wochen hüten sollen, experimentiert seit geraumer Zeit an frisch verliebten Paaren, scannt die Gehirne nach Erregungsstufen und hat nun ein Mittel gefunden, das Glück der frischen Liebe gegenstandsunabhängig dem Unglückspatienten einzuflößen. Dem Erzähler werden wohl ein paar Tropfen zuviel eingeträufelt, so daß er für seine Frau zwar sofort eine "sexuelle Herzenswärme nie gekannten Ausmaßes verspürt", die ihn darauf aber trotzdem für eine Weile verläßt, da sie "seinen Terror" nicht mehr erträgt.
Manches geht schief, vieles geht gut in jener Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schleicht. In einem besonders geglückten Moment wird der Erzähler sogar selbst zur Frau. Plötzlich, im Zustand höchster erotischer Erregung, findet er das Geschlecht zwischen seinen Beinen aufs wundersamste in sein Gegenteil verwandelt. Er fühlt und staunt nur kurz und sagt: "Ich kann nicht sagen, daß es mir, nachdem der erste Schock verebbte, extrem unangenehm war." Das RapidMorphingGender hat ihn verwandelt. Ein Traum ist wahr. Er selbst ist sein eigenes Traumgebilde. Er selbst ist eine Frau.
Botho Strauß ist in eine neue Welt eingetreten. Nach den Ideologien bleibt nur noch das Private. Frauenideale statt Männerbünde. Harmonie statt Einsamkeit. Gegenwart statt Vergangenheit.
Eines Tages trifft er sie wieder. Lavinia. Seine Vergangenheit. Ein letztes Mal. "Denk dir nur, hatte sie gesagt, ich in meinem schönsten Kleid! Es ist ein nach oben steigendes Kleid, die prasselnde Fackel, nichts fällt da schlaff über die Hüfte, über den Busen, das Knie. Das Kleid steigt, steigt, geht hoch, von den Knöcheln aufwärts . . . ich in Flammen!"
Nach den Kämpfen bleibt die Liebe als letzte Utopie. "Jede Liebe bildet in ihrem Rücken Utopie", hatte er in einem seiner ersten Bücher "Paare, Passanten" geschrieben. Sie ist mit den Jahren zu einer riesenhaften, der einzigen geworden, die alle vergangenen, vernebelten Utopien verdrängte. Es geht um die eine Liebe. Das Ideal. Es geht um Romeos Julia, die durch Alice' Wunderwelt nur im Traum abgelöst wird. Geht um den einen Moment. Den ersten. Den einzigen. "Kein Zweifel", schreibt Strauß am Ende des Buches, "das Strahlen des Grußes, die Aufrichtigkeit des ersten Lächelns und des ersten Schritts aufeinander zu, die wehrlose Aufmerksamkeit füreinander besitzen eine Unschuld, die man nie wieder, die das Herz nie wieder vergißt." Die Welt kann weiterziehen. Weiterkämpfen. Julia bleibt.
VOLKER WEIDERMANN
Botho Strauß: "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich". Erscheint am Freitag im Carl Hanser Verlag. 150 Seiten. 17,90 Euro.