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Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen : Ein dunkles Herz wäscht das andere

Ein gehörntes Gotteslamm? Das passt in Bodo Kirchhoffs Roman. Francisco de Zurbarán malte sein Agnus Dei um 1640, heute hängt es im Prado in Madrid. Bild: ddp images / United Archives

Wenn zwei sich finden, wird die Welt eine andere. Doch was passiert einige Jahrzehnte später? Das ist das Thema des neuen Romans von Bodo Kirchhoff. „Die Liebe in groben Zügen“ setzt ein Paar späten Verlockungen aus.

          Um hier gleich etwas zu klären: Bodo Kirchhoff hat keinen Eheroman geschrieben. Er hat einen Roman über das Lieben in seinen toternsten Spielarten geschrieben, zu denen auch die Ehe gehört - und zugleich, wie unter der Hand, eine der schönsten Liebesgeschichten, die sich überhaupt denken lassen. Es ist ein Buch über die Möglichkeiten der Liebe unter den Menschen und auch zwischen aller Kreatur - keinesfalls über die Unmöglichkeit der Liebe, auch nicht die bei einem „alten Paar“.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Und Kirchhoff hat - ja, so ist das - über die Liebe, über den Pakt an ihrem Beginn, über Libido und Caritas geschrieben, unter dem Schatten eines Gottes als einem entzogenen Anderen, den kein Mensch kennt. Das ist wundervoll; denn kein Gott schafft Wunder, aber auch kein Gott verhindert sie.

          Renz und Vila sind schon sehr lang verheiratet. Eigentlich heißen sie Bernhard Renz und Verena Wieland, aber die Liebe verteilt nun einmal neue Namen, und wer in der Silvesternacht 1983 als bis dahin einander Fremde in die Arme des Schicksals rennt, geht ein Bündnis ein, als wäre eine literarisch an die Wand gemalte Entmenschlichung aufzuhalten: George Orwells „1984“. Das ist nur eine ganz kleine der unzähligen Anspielungen, aus denen „Die Liebe in groben Zügen“ ihren Treibstoff tankt - wie der schwarze Jaguar des Paars, der so viel Benzin braucht.

          Ein Konflikt hat sich angekündigt

          Vila und Renz leben einigermaßen glamourös in Frankfurt, versehen mit einer gleichgesinnten Entourage; sie haben eine Zweitresidenz am Gardasee. Er schreibt Serien fürs Vorabendprogramm, sie gibt kulturelle „Mitternachtstipps“ im Fernsehen. Die erwachsene Tochter Katrin erforscht lieber die sexuellen Riten im Amazonas, als das Kind zu bekommen, mit dem sie schwanger ist. Katrins Abtreibung ist der oberflächliche Auslöser für eine Krise des Paars, die ohnehin schwelt. So nehmen die Dinge ihren Lauf.

          Die Zeit ist ein Parameter, der Intensität erzwingt. Kirchhoff zwingt in seinem neuen Buch die Leser - diejenigen, die das zulassen; die anderen sind selbst schuld - über eine lange Distanz. Das bedeutet Lebenszeit, Lesezeit zu verbringen mit den Fährnissen erfundener Gestalten. Er kann und will nicht, selbst auf 670 Seiten, eine ganze Lebenswelt verhandeln. Doch er erfindet Figuren, die er nicht zu Typen verkommen lässt - anders, als es etwa Paul Auster in seinem letzten, zu viel wollenden Roman „Sunset Park“ unterlief.

          Kirchhoff schafft Charaktere. Dabei geht er das eminente Risiko ein, seinen Lesern nicht eine einzige Identifikationsfigur anzudienen, sondern sie auf womöglich gleich weitem Abstand zu allen, Männern wie Frauen, zu halten. Das ist wahre Meisterschaft.

          Gleichgewicht des Schreckens

          Renz, 63 Jahre alt, beginnt eine Affäre mit einer zwanzig Jahre jüngeren Frau, die für ihn als Producerin tätig werden will. Vila, 52 Jahre alt, verfällt - ja, das ist das Wort - einem mehr als zehn Jahre jüngeren Mann, den sie für ihre Sendung aufgefischt hat, als er seltsame Predigten im Park hielt: Marlies Mattrainer ist sterbenskrank; Kristian Bühl ist nicht fähig zu einer Bindung. Es entsteht ein zerstörerisches Gleichgewicht des Schreckens, Leidens und Kämpfens.

          Renz geht damit offensiv um, Vila verschließt sich vor ihm. Dennoch ist „Die Liebe in groben Zügen“ - wenngleich gesättigt mit Realität - nicht zu lesen als eine Wirklichkeit, sondern als eine wilde Parabel. Das Konstrukt ist, als solches, offensichtlich, denn alle Plausibilität ist von vornherein durch Zufälligkeiten konterkariert. Kurz, es ist große Literatur.

          Während zunächst vier Personen in diese Handlung verstrickt sind, setzt Kirchhoff zwei mythische, vor acht Jahrhunderten Handelnde obendrauf: einen Mann und eine Frau, den heiligen Franz von Assisi und die heilige Klara. Ihre historisch unbelegte Geschichte als Paar wird zum fernen Spiegel einer Liebesmöglichkeit, die auf die Transzendenz von Körper und Begehren zielt und dennoch die Anerkennung durch den Anderen, das Gesehen-Werden behauptet, als Kondition menschlicher Existenz. Diese Saga von Franz und Klara, die Kirchhoff mit den Wegen seiner Protagonisten kunstvoll verschränkt, ist so scharfkantig wie berührend; vielleicht ist das sogar die eigentliche Geschichte des Romans. Und es ist die insgeheime Verabredung aller wahren literarischen Würfe, dass ihnen eine Magie eignet, die rationales Bestreben nicht auflöst.

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