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Veröffentlicht: 29.11.2003, 12:00 Uhr

Blonder Lichtblick in einem sadistischen Universum

Auch Humanisten sind Gefühlsdusel: Willem Frederik Hermans erzählt von der Erziehung eines niederländischen Mädchenherzens

Nach Meinung von Ernährungsphysiologen hat die viele Milch in der Ernährung zu ausgeprägtem Längenwachstum niederländischer Kinder geführt. Paulina, die Heldin des Romans "Au pair" von Willem Frederik Hermans, ist dadurch über einsneunzig hochgeschossen, was das hübsche Mädchen in ihrer Heimatstadt Vlissingen bis übers Abitur hinaus in die Höhenluft erotischer Einsamkeit entrückt hat. Die reckenhafte, dabei sehr verträumte Blondine macht den Männern schlicht angst. In der Weltstadt Paris, in der schon manch andere reine Seele die schäbige große Welt kennenlernte, will Paulina studieren und nebenbei etwas erleben. Und weil ihr Vater, ein biederer holländischer Verwaltungsmann, sich solche Eskapaden nicht leisten kann, sucht sie eine Stelle als Au-pair-Mädchen.

Hermans, einer der bedeutendsten Nachkriegsautoren der niederländischen Sprache, hatte im selbstgewählten Exil in Frankreich genug Gelegenheit, den Aufenthalt seiner Heldin realistisch zu unterfüttern: die namenlose Arroganz des Pariser Bürgertums; das verdreckte Dienstbotenzimmer; die obszöne Anmache von Dienstherr und verzogenem Sohn des Hauses; den Geiz der Reichen; die Anarchie arabischer Wanderarbeiter unterm Dachboden. Paulina, unerschütterlich in ihrem humanistischen Glauben wie eine de Sadesche Justine, überlebt all das, bevor sie schließlich in einer ganz anderen Welt landet. Die Generalsfamilie De Lune bietet ihr luxuriöse Räumlichkeiten mit Badezimmer, neue Kleider, reichlich Taschengeld. Dafür muß sie dem uralten und steinreichen Hausherrn, dem von allen Leidenschaften vorzugsweise diejenige für den vergessenen holländischen Maler Constantin Guys geblieben scheint, ab und zu Gesellschaft leisten.

Daß an dieser vermeintlichen Uneigennützigkeit irgend etwas faul ist, das schwant dem Leser früher als der arglosen Paulina. Hermans hat nicht ohne Grund seine Weltanschauung als "sadistisches Universum" beschrieben, hat nicht in seinen anderen Romanen genügsam den blinden Zufall gefeiert, die Illusionen von Religion und Moralismus gegeißelt, um seine Versuchsperson hier nun ganz ungeschoren davonkommen zu lassen. Abgesehen davon, daß die Sippe De Lune einen selbst für Pariser Verhältnisse gehörigen Knall hat, führt sie mit ihrer hochgewachsenen "petite Hollandaise" irgend etwas im Schilde. Lungert etwa irgend jemand hinter den Badezimmerspiegeln, vor denen Paulina ihren makellosen Körper mit französischen Essenzen einölt? Vielleicht gar der hochdekorierte Kriegsheld und Kunstsammler selber?

Leider zieht sich dann der Roman über das Alltagsgeplauder mit den überzüchteten Bourgeois in die Länge. Generalssohn Armand ist ein verkrachter Dichterling, sein Bruder Michel pflegt in seinen Räumen mittelmäßige Klavierkunst, die Schwägerin säuft, und Sohn Edouard wirkt als häßlicher Riese, der sich verdächtig gut mit Geld auskennt, derart enigmatisch auf die provinzielle Niederländerin, daß sie sich - aus Dankbarkeit, aber auch aus Berechnung - prompt in ihn verliebt. Das kann nicht gutgehen. Hermans schildert diese Verhältnisse mit abgebrühter Illusionslosigkeit und erinnert dabei, wenn über Marschall Pétain, alte Autos oder das Personal hergezogen wird, manchmal an das herrlich peinliche Alltagsgeplauder etwa der Filme eines Eric Rohmer. Allein, das Ganze liest sich dann zäh und hätte auch etwas zügiger auf den Punkt kommen können: Paulina soll einen Geldkoffer außer Landes schaffen, ein Legat eines im Krieg verschollenen jüdischen Nachbarn, das nun ausgerechnet an weitläufige Naziverwandtschaft fallen könnte. Paulina bewältigt den gefährlichen Schmuggel nach Luxemburg, aber nur, um hinterher zu erfahren, daß sie einem schäbigen Betrug aufgesessen ist.

Mehr soll nicht verraten werden. Doch ganz so genial, wie der Erzähler sie vielleicht fand, ist die Finte denn doch nicht. Die Moral, daß die Menschen schlecht und Humanisten Gefühlsdusel sind, hätte sich auch weniger umständlich erzählen lassen. Hermans gestattet sich auf knapp fünfhundert Seiten allzu viele Abschweifungen und ist deshalb weit von der zynischen Eiseskälte seiner direkten Nachkriegsprosa entfernt, die zum Härtesten und Besten in der europäischen Literatur jener Zeit gehört: "Die Dunkelkammer des Damokles" und vor allem das noch nicht übersetzte "Behouden Huis" (Das behütete Haus). Dafür, dieses OEuvre eines politisch unkorrekten Dauerpolterers und Sprachpedanten in der starken Übersetzung von Waltraud Hüsmert dem deutschen Publikum zugänglich zu machen, gebührt dem Gustav Kiepenheuer Verlag aber jetzt schon höchstes Lob.

Über seiner langen Paulina und ihrem nicht minder langen Entwicklungsroman ist Hermans - er starb 1995 - offenbar selber altersmilde und sentimental geworden, was seine vorher eisige Prosa ein wenig verwässert. Hat er, was gefährlich ist für einen Autor, sich gar ein bißchen in seine blonde Walküre verliebt? Er schildert ihre Pariser Erziehung des Herzens in diversen Anspielungen als moderne Irrfahrt in den Fußspuren von Flauberts Helden. Das Mädchen - eine moderne Emma, der dann allerdings dank den Segnungen der sachlichen Neuzeit ein fatales Abstürzen erspart bleibt. So geht sie, umgeben von lauter Geschmeiß, am Ende geläutert, aber immer noch jungfräulich aus den Pariser Abenteuern hervor. Ihr Autor begegnet ihr noch kurz im Café und kann sie, die milchgesichtige, kühläugige Schönheit von der Polderweide, dann mit allen 192 perfekt gewachsenen Zentimetern in das entlassen, was nach dem Au pair so zu kommen pflegt: das erwachsene Leben nach dem Abstillen.

Willem Frederik Hermans: "Au pair". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Waltraud Hüsmert. Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2003. 495 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2003, Nr. 278 / Seite 44

 

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