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Blick auf die Schuhspitzen

Das Meisterwerk des Joaquim Maria Machado de Assis

Wie soll man dieses Buch nennen? Großartig? Erstaunlich? Perfekt? "Perfekt" ist sicher nicht exzessiv. Beglückend leichtfüßig ist das Büchlein und hat doch im Seelischen viel Gewicht - Intensität. Es bringt viele kultiviert literarische Anspielungen, ist aber gar nicht pedantisch. Es ist poetisch weich und doch von nihilistischer Härte und einer sich nichts vormachenden ironisch distanzierten Bitterkeit. Es erschien 1880: wenn man es weiß, ist es noch erstaunlicher. Nietzsche konnte dieser Brasilianer nicht kennen - nur wenige kultivierte Europäer kannten ja um 1880 den Propheten. Machado beruft sich, aber bereits als Erzähler, denn es gehört schon zum Werk, in dem von fern an Cervantes erinnernden Vorwort auf Laurence Sterne und Xavier de Maistre. Das ist aber ziemlich irreführend. Susan Sontag in ihrem schönen Nachwort, in dem man die Pranke der Löwin nicht sogleich, schließlich aber doch erkennt, nimmt diesen Hinweis wohl allzu ernst. Das Buch ist, auch Sontag gibt es schließlich zu, ganz anders als der "Tristram Shandy" - ganz unkauzig.

Also Machado de Assis, der von 1839 bis 1908 lebte, geboren und gestorben in Rio, ist für Kenner wahrlich kein Unbekannter: der größte brasilianische Autor; für Sontag, die da eine Verschwörung der Spanischsprechenden vermutet, ist er gar "der größte Autor, den Lateinamerika hervorgebracht hat". Und "Bras Cubas" gilt als sein bestes Buch. Er hat nämlich sehr viel geschrieben: Gedichte, Theaterstücke, Kritik, Romane. Er war ein Romantiker im eher französischen Sinn und wandte sich - da denkt man an Flauberts "Madame Bovary" - gerade mit diesem Buch von der Romantik ab. Und wie Flaubert behielt er doch indirekt nicht wenig Romantisches bei. Zumindest als Zurückgewiesenes ist es, zum Beispiel in der schönen Weichheit, noch da. Übrigens muß man den Mann noch mehr bewundern, wenn man erfährt, daß er kleinsten Verhältnissen entstammte (Sohn einer portugiesischen Wäscherin, die von den Azoren gekommen war, und eines Mulatten, eines Anstreichers; also ein Autodidakt; Epileptiker war Joaquim Maria zudem auch). Als er starb, war er, zumindest in Brasilien, hochberühmt.

All dies hat nun aber mit diesen fiktiven Erinnerungen des fiktiven Bras Cubas gar nichts zu tun. Man muß es nicht wissen. Und Exotisches ist in dem Roman auch nicht. Er ist ein restlos europäisches Buch, auch wenn es in Rio "spielt". Da ist nicht die "Alterität", die Europäer so gerne in Lateinamerika finden wollen. Wogegen schon Vargas Llosa prägnant protestierte: "Lateinamerika ist nicht, was Europa nicht ist." "Nachträglich" sind diese Memoiren, weil sie "postum" sind, "Memórias póstumas": nach dem Tod also geschrieben, woraus aber nichts, vor allem nichts Metaphysisches, hervorgeht. Immerhin gibt es Bras die technische Möglichkeit, von seinem Tod, seinem finalen Delirium packend und geradezu schön zu berichten. Auch - ironisch - von seinem Begräbnis. Bras war vom Vater her reich, frühe Liebeserfahrungen mit einer hinreißenden Spanierin, Marcela genannt (auch da grüßt verhalten Cervantes), der Vater schickt ihn, um ihn von der Frau zu trennen, zum Studium nach Portugal, Rückkehr mit Diplom aus Coimbra, dann die geplante, vom Vater arrangierte Heirat mit Virgília; die heiratet aber dann plötzlich einen anderen, aber danach wird Bras, ebenso plötzlich, der Geliebte derer, die seine Frau hätte werden sollen, und so ist es eigentlich (sie haben da ein hübsches, noch dazu von einer Art Haushälterin umsorgtes Liebesnest) viel schöner. Diese - auch wieder recht illusionslos gesehene - Liebe reicht dann, mit Unterbrechungen freilich, bis zu seinem Tod.

Wie gelingt es Machado auf wenigen Seiten, etwa denen, die im Kapitel 74 dieser Haushälterin Plácida gelten, der Menschheit seinen ganzen Jammer vorzuführen! "Ich schaute weiter", lautet der betretene Kommentar des Erzählers bloß, "auf die Spitzen meiner Schuhe" - damit endet das Kapitel. Doch wird von vielem anderen noch berichtet, immer heiter und bitter zugleich, in vielen kurzen, oft ganz kurzen mit suggestiven Titeln versehenen Abschnitten und in ständiger Reflexion auf die Art, wie er denn berichten soll: von einem tief gesunkenen, dann wieder aufgestiegenen Freund, von dem Hobbyphilosophen Quincas Borba mit seinem "Humanitismus", der sich so uneben nicht einmal anhört. Bis hin zu dem grandiosen, weiterhin aber leichtfüßig trockenen Kapitel 160 am Ende "Von den Verneinungen" - mit dem eigentlich positiv gemeinten grimmig heiteren Schlußsatz: "Ich hatte keine Kinder; ich hinterließ keinem lebenden Wesen die Erbschaft unseres Elends."

Die sehr geglückte Übersetzung ist nicht neu. Sie erschien schon 1950 im gleichen Verlag und stammt von keinem Geringeren als dem vormals hochberühmten, heute nahezu verschollenen Germanisten Wolfgang Kayser. Es ist sehr gut, daß sie nun erneut vorgelegt wird. Denn hier ist ein sprachliches Kunstwerk - und in der Tat Weltliteratur.

Joaquim Maria Machado de Assis: "Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas". Roman. Aus dem Portugiesischen übersetzt von Wolfgang Kayser. Mit einem Nachwort von Susan Sontag. Manesse Verlag, Zürich 2003. 380 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2003, Nr. 159 / Seite 44

 
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Veröffentlicht: 12.07.2003, 12:00 Uhr