http://www.faz.net/-gr3-10gaf

: Bitte um ein wenig Leben

  • Aktualisiert am

Ihr Leben hatte etwas Phönixhaftes, ein unentwegtes Stirb und Werde, als ob ihr nur die andauernde Krise überhaupt die Kraft zum Weitermachen und Kreativität zum Schreiben gäbe. Wie jener mythische Vogel sich ins Feuer stürzen muss, um aus der Asche immer wieder verjüngt aufzusteigen, so rückhaltlos durchbrach ...

          Ihr Leben hatte etwas Phönixhaftes, ein unentwegtes Stirb und Werde, als ob ihr nur die andauernde Krise überhaupt die Kraft zum Weitermachen und Kreativität zum Schreiben gäbe. Wie jener mythische Vogel sich ins Feuer stürzen muss, um aus der Asche immer wieder verjüngt aufzusteigen, so rückhaltlos durchbrach diese Autorin das einsinnige Ordnungsmuster einer Alltagswelt, die zu viel Mögliches, Existentielles und Wahrhaftiges durch Kleinteiligkeit unterbinden will. Denn auf ein Einziges war Hilda Doolittle, die sich als Schriftstellerin H.D. nannte, nie festzulegen; ihr galt das Vielsinnige, Vielstimmige und Vielgestaltige stets als Lebens- wie als Schaffensziel.

          Der deutsche Titel "Madrigal", unter dem ihr autobiographischer Roman erscheint, ist gut gewählt, weil er sogleich das Polyphone ihrer Prosa hörbar macht. Im Original heißt er "Bid me to live" und zitiert im Titel einen Lyriker des siebzehnten Jahrhunderts, der sich mit dieser Lebensbitte ganz dem Willen der Geliebten unterstellt. Aus solcher Unbedingtheit, in der Liebe wie im Leben und im Schreiben alle Möglichkeiten auszukosten und dafür alles zu riskieren, auch den Flammentod, gewinnt ihr Werk vibrierende Energie.

          Vielleicht war es die Leitfigur des Phönix, die H.D. 1917 mit dem Autor D.H. Lawrence zusammenbrachte, einem anderen großen Außenseiter der Moderne, mit dem sie bald eine innig rivalisierende, erotisch aufgeladene und dennoch, wie es heißt, sexuell enthaltsame Freundschaft verband. Vielleicht aber war es auch die Alchemie der Buchstaben oder einfach das gemeinsame puritanische Erbe, das sie anzog, um im anderen eine Spiegelung des eigenen auszumachen und sich auf diese Weise wechselseitig zu verrätseln: "Sie begriff seltsam gleichgültig, dass er wirklich berührt war. Zärtlichkeit. Das war es, nicht Flamme und glühende Leidenschaft, nicht der dunkle Gott, von dem er immer sprach. Und wenn doch ein dunkler Gott, dann ein wahrhaft dunkler, Dis, der Gott der Unterwelt; die weißen Hyazinthen waren Totenblumen; er hatte sie Persephone genannt." Mit derart dunklen Worten und mythologisch aufgeladenen Bildern erzählt der Roman von dieser seltsamen Beziehung. Sie wird zur krisenhaften Auferstehungsfeier inmitten einer kriegszerstörten Katastrophenwelt.

          Bloomsbury unter Beschuss, Bombensplitter auf den Straßen, Schlachtgedröhn und Militärmusik: London ist die Metropole der Moderne, doch in den Lichtspielhäusern vom Leicester Square, den Tempeln dieser neuen Zeit, ist das Publikum vor allem khakifarben und trägt den Arm in einer weißen Schlinge. Die Soldaten sind auf Heimaturlaub, unter ihnen die literarische Avantgarde; doch kaum einem gelingt es hier, das Grauen aus den Gräben an der Front vorübergehend zu vergessen. Auch Rafe Ashton ist, als er zur jungen Ehefrau Julia zurückkehrt, weiter heimatlos und nimmt sich erst einmal eine Geliebte. Julia aber, selbst traumatisiert von einer Fehlgeburt, muss unter der Mansarde wohnen, wo er sein neues Liebesnest einrichtet. Sie fühlt sich jetzt zu Rico hingezogen, einem tuberkulosekranken, schwächelnden Erzähler, der gern orgiastische Männlichkeitsphantasien entwirft, strotzend vor Sex und Kraft, was sie befremdet und zugleich berührt. Als neuen Liebhaber jedoch sucht sie sich Vane und zieht mit ihm nach Cornwall. Dort findet Julia in einem langem Brief an Rico eine Stimme, um endlich ihre Version und Vision der Geschichte aufzuschreiben.

          Weitere Themen

          Rekordpreis für Hockney-Bild Video-Seite öffnen

          Über 90 Millionen Dollar : Rekordpreis für Hockney-Bild

          Selbst bei Christie's war man über den Preis für das Werk "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" etwas überrascht. Doch es entwickelte sich offenbar eine Bieterschlacht zwischen zwei Interessenten.

          Die große Organisation

          Linke Kritik : Die große Organisation

          Die Achtundsechziger wollten die Gesellschaft über die Hochschulen auf eine höhere Bewusstseinsebene führen. Was ist daraus geworden?

          „Nur ein kleiner Gefallen“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Nur ein kleiner Gefallen“

          Paul Feig hat den amerikanischen Bestseller von Autorin Darcey Bell „Nur ein kleiner Gefallen“ verfilmt. Ab dem 8. November läuft der Thriller in den deutschen Kinos.

          Topmeldungen

          Ein kleiner Fortschritt beim neuen Bahnhof in Stuttgart: Die erste Kelchstütze wurde fertiggestellt. 27 weitere sollen bis 2021 folgen.

          Stuttgart 21 : Ein Fortschritt ist zu sehen!

          Das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 befindet sich seit acht Jahren im Bau, ein Bahnhof lässt sich bisher nur erahnen. Nun wurde die erste Kelchstütze fertiggestellt – von insgesamt 28.
          SPD-Vorsitzende Andrea Nahles

          FAZ Plus Artikel: Fremde Federn : Für eine große Sozialstaatsreform

          Wir sollten die staatliche Grundsicherung wieder auf ihren ursprünglichen Kern zurückführen: als soziales Netz, wenn es gar nicht anders geht. Dieses sollte man aber möglichst schnell wieder verlassen können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.