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Bernhard Schlinks RAF-Roman : Täter, die im Regen stehen

  • -Aktualisiert am

Unbewältigte Vergangenheit: RAF-Gefängnis Stammheim Bild: AP

Im Haus der Geschichte der Bundesrepublik treffen sich die Generationen: Bernhard Schlink macht in seinem neuen Roman der RAF den Prozess und führt die Parteien am Ende zur Versöhnung.

          Bernhard Schlink, Jurist und Bestseller-Autor, hat einen Roman zur Debatte um die Begnadigung der RAF-Terroristen geschrieben, die im vergangenen Frühjahr ihren Höhepunkt erreichte: Während Brigitte Mohnhaupt im März auf Bewährung freigelassen wurde, lehnte der Bundespräsident im Mai das Gnadengesuch Christian Klars ab. Schlink hat beeindruckend schnell gearbeitet; so dicht dran an aktuellen politischen Ereignissen sind Romanciers, selbst so handwerklich routinierte wie Schlink, selten.

          Dem Eindruck, dass die deutsche Gegenwartsliteratur ein Problem mit der Gegenwart hat, widerspricht diese Reaktionsgeschwindigkeit allerdings nicht. Denn einerseits geht es bei Schlink natürlich wieder einmal vor allem um die deutsche Vergangenheit, andererseits ist höchst aufschlussreich, wie sich der Erfolgsautor seinem Stoff nähert - nämlich in der Form des Familienromans beziehungsweise seiner ursprünglich aus dem Drama stammenden Unterart des Kammerspiels. Modell: Eine Familienfeier platzt durch verdrängte Schuld, düstere Familiengeheimnisse, Leichen im Weinkeller. Man kennt das etwas aus Thomas Vinterbergs Dogma-Film „Das Fest“; Romane wie John von Düffels „Houwelandt“ oder Harriet Köhlers „Ostersonntag“ variierten beispielsweise zuletzt das abgenudelte Schema.

          Willkommensfeier für den Terroristen

          Bei Schlink läuft das so: Eine Gruppe von Freunden aus vergangenen radikalen Tagen trifft sich in einem Landhaus irgendwo in Ostdeutschland übers Wochenende zu einer Willkommensfeier für den gerade aus der Haft entlassenen Terroristen Jörg. (Dessen Biographie erinnert an Klar, im Unterschied zu diesem aber ist Jörg vom Bundespräsidenten begnadigt worden, obwohl er sich - wie Klar - in einem Grußwort an einen linksradikalen Kongress unzweideutig zu seinen früheren Zielen bekannte.) Eingeladen hat Jörgs Schwester Christiane, die während all der Jahre nur lockeren Kontakt zu den einstigen Weggefährten hielt, sich aber als Mutterersatz um den Inhaftierten kümmerte. Sie hat das Wochenende als eine Art Seelenschleuse für das neue Leben in Freiheit angelegt, als ein Übergangsritual mit praktischem Nutzwert, haben doch die anderen Gäste den Absprung in die einst verhasste bürgerliche Existenz geschafft: Es kommen unter anderem ein Anwalt, ein Journalist, ein Dentaltechniker und eine Bischöfin - da sollte doch irgendwo eine Zukunftsperspektive oder wenigstens ein Praktikum herausspringen.

          Erinnerungspolitisches Plädoyer: Bernhard Schlink
          Erinnerungspolitisches Plädoyer: Bernhard Schlink : Bild: picture-alliance/ dpa

          Doch von Anfang an gerät die gutgemeinte Resozialisierungsmaßnahme auf die schiefe Bahn. Jörg besteht darauf, dass auch der politische Aktivist Marko, Veranstalter jenes für seine Begnadigung beinahe fatalen Kongresses, hinzugeladen wird, der prompt wüste Reden über Terrorbündnisse mit Islamisten schwingt und Jörg als Galionsfigur für die Revolution zurückgewinnen will. Umgekehrt wird der alles andere als reuige Jörg umgehend für seine Untaten ins Gebet genommen, vor allem der Dentaltechniker bohrt hartnäckig nach: „Ich werde nie meine erste Brücke vergessen; ich habe in keine spätere Arbeit so viel Zeit und Liebe gesteckt und an ihr was fürs Leben gelernt. Wie war das mit dem ersten Mord, Jörg?“

          „Ficken ist kämpfen“

          Und dann gibt es noch die junge, prominentengeile Tochter des Dentaltechnikers, die sich des Nachts über Jörg hermachen will und damit den nächsten Eklat heraufbeschwört: „Du Schlappschwanz. Ficken ist kämpfen - war das nicht euer Motto? Kämpfen ist Ficken? Was guckst du mir ständig auf den Busen, wenn du's nicht bringst?“ So ziehen und zerren fast alle auf ihre Weise am Frischentlassenen; die Freiheit rächt sich auf ungeahnte Weise. Nach der Gnade kommt das dicke Ende erst noch.

          Vollends zum Familiendrama wird das „Wochenende“ durch das plötzliche Auftauchen von Jörgs Sohn Ferdinand, der nach Jahren völliger Funkstille zum Generalangriff auf den Vater und die ganze Generation ausholt: „Du bist zur Wahrheit und zur Trauer so unfähig, wie die Nazis es waren. Du bist keinen Deut besser - nicht, als du Leute ermordet hast, die dir nichts getan haben, und nicht, als du danach nicht begriffen hast, was du getan hast. Ihr habt euch über eure Elterngeneration aufgeregt, die Mörder-Generation, aber ihr seid genauso geworden.“

          Weitergabe der Schuld

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