Eine Fotografie von Veit hat der Erzähler nicht, und doch trägt er die Erinnerung an seinen Freund aus Kindertagen noch als Erwachsener mit sich herum, als sei der Knecht sein Vater gewesen und nicht ein ganz anderer. Dabei hat es wahrscheinlich niemals ein Foto von Veit gegeben. Wer in einem bayrischen Dorf der Nachkriegszeit hätte auch Anlass gehabt, die Arbeitskraft vom Dorfwirt zu fotografieren?
Nicht einmal, dass es ihn überhaupt gegeben hat, ist amtlich dokumentiert. Weder ein Pass noch ein Passfoto hat je existiert. Ihn selbst hat das nie gekümmert. Veit trieb nur eine einzige Sorge um: dass er, der keine Familie hatte, keine Herkunft und keinen Hof im Dorf, wenn er einmal tot wäre, keinen Platz auf dem Friedhof finden würde. „Wenn man nicht sterben könne, nur weil man kein Grab hat, sei das auch kein Zustand.“ So dachte der Veit. Dass es am Ende für den Knecht tatsächlich eine letzte Ruhestätte gab, ist charakteristisch für den an sich versöhnlichen Ton von Bernd Schroeders Dorfgeschichte aus dem Erdinger Moos.
Die Einzigen, die SPD wählen
„Auf Amerika“, so der Titel seines neuesten Romans, ist eine Erzählung für all diejenigen, die sich, wie der Autor selbst, mit ungeheurer Anstrengung von der Provinz gelöst haben und nun, da das Land ihrer Kindheit verschwunden ist, dorthin zurückschauen. Anders als Autoren wie etwa Josef Winkler, die das Dorf als Schauplatz der Unterdrückung und der Gewalt zeigen, blickt Schroeder durchaus mit Wehmut zurück. Dass etwas an Wert gewinnt, wenn wir es verlieren, ist eine Erkenntnis seines Romans.
Schon in seinem Debüt „Versunkenes Land“ hat der 1944 im heutigen Tschechien geborene Schriftsteller seine Erfahrungen als ein in Oberbayern gestrandetes Flüchtlingskind beschrieben. Das Erleben von Fremdsein und Heimischwerden ist auch hier das zentrale Thema. Der Ich-Erzähler, der Seilerbub, der mit Veit, dem Knecht, Freundschaft schließt, ist gleich in mehrfacher Hinsicht beziehungslos im Dorf. Seine Eltern sind nicht von hier, sondern stammen aus Berlin, und er selbst wurde in den letzten Kriegswirren auf der Flucht geboren. Außerdem ist er evangelisch, später stellt sich sogar heraus, dass er ein „Heidenkind“ ist, und seine Eltern sind die Einzigen im Dorf, die SPD wählen. Die Mutter, Tochter aus gutem Berliner Hause, mit Dienstboten, einem Boot auf der Havel und Klavierstunden, wird niemals heimisch unter den Landleuten. Besser schlägt sich dagegen ihr Ehemann, ein hochbegabter Maulheld und Leichtfuß mit ominöser Nazivergangenheit. Seiler senior hat zwar nie studiert, aber als Autodidakt erwarb er so viel Wissen, dass es zum Beeindrucken der Bauern allemal reicht.
Er schweigt über seine Herkunft
Ständig auf der Suche nach einträglichen Geschäften, um das Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben seiner Familie aufzubessern, scheitert er indes häufiger, als dass er etwas gewinnt. „Mein Vater redete viel, wenn der Tag lang war und oft auch die Nacht“, heißt es im Buch, „er redete über alles, wusste alles besser als andere und redete über Dinge, von denen er nichts verstand.“ Als Einziger im Dorf aber traut er sich, nicht nur Hochwürden, sondern auch dem Lehrer zu widersprechen. Er verbietet ihm beispielsweise, sein Kind zu schlagen. Manchmal hilft es, manchmal aber auch nicht, und dann prügelt der Lehrer, der in Russland ein Bein verloren hat, auf dem Rücken des „Kommunistenkindes“ seine Wut über die Welt aus.
In der dörflichen Hierarchie nimmt der Lehrer dennoch einen der ersten Plätze ein, während Veit ganz hinten rangiert. Keiner weiß, ob er überhaupt lesen und schreiben kann. Und doch erscheint er dem Jungen als glücklichster Mensch in Hausen. Bei der Arbeit, dem Dengeln, trägt er stets Hut, und alles, was er tut, geschieht ruhig und ohne Eile. Wie die Seilers ist auch er ein Zugereister, doch woher er kommt, darüber schweigt er.
Längst vergessene Dorftypen
Und es gibt noch ein weiteres Geheimnis, das der rundliche Mann mit den riesigen Händen und den abstehenden Ohren wie seinen Augapfel hütet - und das dem Roman zu seinem Titel verhilft. Denn Veit hat eine Erbschaft gemacht und soll deshalb nach Amerika reisen. Ob er dort aber auch tatsächlich war, weiß niemand. Aber wie in jedem anständigen Dorf ist es auch in Hausen Sitte, dass über ungeklärte Dinge am allermeisten gesprochen wird. Selbst die Postlerin, Hüterin sämtlicher Post und Mithörerin aller Telefongespräche, ist diesmal jedoch ahnungslos.
Bernd Schroeder ist mit „Auf Amerika“ ein feiner, zarter Roman geglückt, der von einem melancholisch gefärbten Fatalismus bestimmt ist. Meisterlich ist die Zeichnung bestimmter Dorftypen gelungen, von denen man meint, dass es sie gar nicht mehr gibt. Auch wenn das Buch die Bezeichnung „Roman“ im Untertitel führt, weist der kindliche Held, den es aus der Beengtheit des ländlichen Idylls hinauszieht in die Welt, gewisse Ähnlichkeiten mit seinem Schöpfer auf. Der Moment, in dem dieser zurückblickt, ist dabei wesentlich geprägt von einem Ereignis: Die dörfliche Welt, die „Auf Amerika“ heraufbeschwört, ist nicht grundlos verschwunden, sondern musste vielmehr dem Münchner Großflughafen Johann Strauss weichen, der dort gebaut und 1992 eröffnet wurde.
Als der Erzähler das Dorf seiner Kindheit Jahrzehnte später noch einmal aufsucht, sind nicht nur die Menschen, die er von damals kannte, alle gestorben, die Lammerts, der Stoff-Franz, die Wirtsleute, der Viehhändler, der Holzer und der Messmer-Ludwig. Auch das Dorf selbst ist tot. Wo einst stolze Höfe standen, modern halbverfallene Häuser vor sich hin, und die Flugzeuge donnern im Minutentakt über sie hinweg. Es gibt keine Gastwirtschaft mehr und keinen Metzger, keinen Kramerladen, keinen Schuster, keinen Schmied und keine Post. Die Landwirtschaft ist auf drei Bauern geschrumpft, und die Scheunen der anderen nutzen jetzt Luftfrachtfirmen als Lagerhallen. „Was für ein geschundenes Dorf!“ - so lautet Schroeders bitterer Kommentar.
Auch wenn die Wehmut über eine untergegangene Epoche überwiegt, ist es mitnichten eine Butzenscheibenwelt, die der Autor hier heraufbeschwört. Davor bewahrt ihn schon die Lakonik seiner Sprache. Es gelingt ihm vielmehr, die Balance zu halten zwischen nostalgischem Rückblick und desillusionierender Entlarvung des dörflichen Idylls. „Auf Amerika“ zeichnet nicht nur das Bild von der Familie, die einträchtig bei Schweinebraten und Semmelknödel in der Küche sitzt, während aus dem Radio oben in der Ecke unterm Kreuz Harry Valérien im Landfunk zu hören ist. In derselben Szenerie verführt auch ein dumpfer Katholizismus zu Lüge und Heuchelei und leben Menschen einsam und versteinert nebeneinanderher. Da werden Gefühle unterdrückt. Und wenn sich eine Frau einmal durchringt, einer anderen Partei ihre Stimme zu geben, schaut prompt der Bürgermeister vorbei, der wissen will, was eigentlich los ist.