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Benjamin Stein: Die Leinwand : Für meines Autors Gleichung gibt es viele Lösungen

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H.Beck

Erzählen als leichter Denksport und ganz ernste Glaubenssache: Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“ erzählt die Geschichte einer Verwandlung von zwei Enden her und treibt mit dem Leser ein tolles Spiel.

          Über Picasso gibt es einen wunderbaren Film. Man sieht ihn beim Malen. Unter seinen Fingern entstehen Vögel, Stiere, Formen. Plötzlich übertüncht er in einer Laune alles und beginnt ein neues Bild, bis er auch dieses färbt, und so weiter. Soll man sich überhaupt mit dem neuen Bild anfreunden, wo es doch sogleich verschwinden wird? Zunächst macht dieses Verfahren unruhig. Sieht man aber längere Zeit die Bilder kommen und gehen, entfaltet der Film eine meditative Wirkung. Man wohnt einem großartigen Schauspiel bei, einer ständigen Verwandlung.

          Raffinierter Identitätsroman

          Benjamin Stein treibt mit dem Leser seines raffinierten Identitätsromans „Die Leinwand“ ein ähnliches Spiel. Glaubt man sich hier einer Geschichte sicher, beginnt sie sich bereits zu verändern. Die Wahrheit ist dreh- und wendbar wie das Buch, das man von beiden Seiten bis jeweils zur Mitte lesen kann, was diesem Roman schon drucktechnisch gesehen ein irritierendes Aussehen verleiht.

          Ein Lockmittel des Verlags? Keineswegs. Benjamin Stein spielt souverän und konzentriert zwei verschiedene Geschichten durch, die sich langsam einander annähern. Man kann sie zunächst sogar unabhängig voneinander genießen, und es ist ganz egal, ob man sich zuerst Jan Wechsler anvertraut oder, das Buch umdrehend, Amnon Zichroni, dem anderen Erzähler. Beide erzählen sie Lebensbeichten, die sich lesen lassen wie klug unterfütterte Krimis. Sie führen auf zwei unterschiedlichen Wegen an ihren jeweiligen Enden zum gleichen heiligen Ort: zur Mikwe, jenem rituellen Tauchbad, das sich im jüdischen Glauben mit Reinheit und Verwandlung verbindet.

          Wer mordet, kann nicht Opfer sein

          Es ist eine historische Mikwe in Israel. Das Wasser ist eiskalt, also rein körperlich schon ein Schock. Es kommt dort aber nicht nur zur Wandlung, sondern zu einer Tat, bei welcher einer der beiden Erzähler offenbar stirbt, jedenfalls plötzlich vom Erdboden verschwunden ist, so dass man seinen vermeintlichen Mörder polizeilich sucht. Für diese böse Rolle bieten sich in beiden Geschichten, in denen Jan Wechsler und Amnon Zichroni schicksalsträchtig aneinander gebunden werden, die Erzähler höchstpersönlich an. Das freilich kann nicht sein, sobald man die beiden Romanteile zur Deckungsgleichheit bringt: Wer mordet, kann nicht zugleich der Ermordete sein.

          Was aber, wenn es gar nicht um eine Tat geht? Wenn also die Verwandlung, die innere Neuausrichtung die tragende Idee dieser großartigen Romankonstruktion wäre, die ständig neue Charaktere aus gleichen Körpern produziert? Denksportaufgaben, die sich immer weiter verästeln, bis wir in diesem Steinschen Rhizom ganz postmodern verlorenzugehen drohen, aber immer wieder aufgefangen werden. Italo Calvinos Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ und ähnliche literarische Irrgärten haben hier einen ernst zu nehmenden Nachfolger.

          Mathematisches Hirn

          Benjamin Stein, Jahrgang 1970, studierter Judaist und Hebraist, schrieb übrigens für Computerzeitschriften und berät im Bereich Informationstechnologie. Sein mathematisches Hirn treibt aber auch fiktional ein tolles Spiel. Und wer noch unsicher ist, ob er sich darauf einlassen soll, dem gibt er Wegweiser an die Hand: Amnon Zichronis persönliches Erweckungsbuch etwa ist „Dorian Gray“, ein Roman, in dem das Gefühl, bei sich selbst in der Fremde zu sein, weidlich ausgekostet wird; und Jan Wechsler erwähnt einmal Raymond Queneaus „Stilübungen“, in dem eine Geschichte in über einhundert Variationen erzählt wird.

          Benjamin Stein belässt es zum Glück bei zweien, auch diese – wie ja schon bei Queneau – weit mehr als nur harmlose Stilübungen. Beginnen wir, um neben dem großen Bauplan die kleineren Facetten dieses Werks zu würdigen, mit der übersichtlicheren Variation: mit Amnon Zichroni. Er scheint, zumindest im Gegensatz zu Jan Wechsler, ein geringeres Ich-Problem zu haben. Streng jüdisch erzogen, wuchs er in Israel auf, früh begabt mit der erstaunlichen Fähigkeit, bei Berührung in die Erinnerungen anderer einzutauchen. Sein Weg führt ihn in die Schweiz, nachdem der Rabbi ihn mit „schmutziger englischer Literatur“, ebendem „Dorian Gray“, erwischt hat. In Zürich übernimmt sein sympathischer Onkel die Erziehung, auch er jüdisch-orthodox.

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