Sie alle heißen Benjamin, genau wie ihr Autor. Doch es lässt sich nicht sicher sagen, ob es sich bei dem männlichen Erzähler in Benjamin Maacks „Monster“ um ein und dieselbe Figur handelt, die in wechselnden Konstellationen und Situationen in Erscheinung tritt, oder ob dieses Ich immer ein anderer ist.
Was alle Benjamins in den längeren und kürzeren Erzählungen des Bandes gemeinsam haben, ist ihre Ortlosigkeit. Der Chemielaborant Benjamin in „Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster“ besucht nach dem Verlust seiner Stelle seine Jugendliebe im Harz und stört dort das Gleichgewicht zwischen der Gastgeberin und ihrem behinderten Lebensgefährten. In „Atavismen“ arbeitet Benjamin als Housekeeper in einer luxuriösen Villa und wird, während sich sein Ich langsam aufzulösen scheint, von den abwesenden Besitzern aus der Ferne beobachtet und kontrolliert.
Innenansichten eines Orientierungslosen
Die Erzählungen des 1978 geborenen Maack umkreisen schwebende Zustände von Kontingenz und Befremdung in Form von Selbstgesprächen ihres Erzählers. Sie arbeiten mit Aussparungen und Symbolen. Eine auf der Fahrt in den Harz vom Auto erfasste Eule, die Benjamin in seinem Kofferraum mitnimmt, oder die norwegische Waldkatze, die, vom Nachbarhund gerissen, dem Benjamin aus „Atavismen“ zur Bekanntschaft mit einem neurotischen Nachbarmädchen verhilft, wirken wie düstere Boten aus fremden Mythologien. In „Monster“ bleibt in der Schwebe, wo der Zufall aufhört und das Schicksal seinen Lauf nimmt, wo das Ich Herr seiner selbst ist oder die Herrschaft von Dritten übernommen wird, wo die Wirklichkeit aufhört und der Wahn beginnt. Zweifelsfrei beantworten lässt sich dagegen, warum der Band seinen Titel trägt. Maack seziert das Personal seiner Erzählungen gründlich genug, um die tierhaften, monströsen Seiten der Figuren ans Licht zu holen. Er lässt dabei seiner Lust an der Provokation freien Lauf, streut splatterhafte und sexuell explizite Passagen ein. Die anfangs aufregende Mischung aus einer ins Absurde getriebenen Alltäglichkeit und exzessiver Selbstbespiegelung des Erzählers verliert aber auf die Länge des Bandes einiges von ihrem Reiz. Und die graphischen Spielereien, die nur durch die absatzförmige Anordnung des Großbuchstabens „X“ oder der Zahl Null zwei Erzählungen noch als solche erkennbar machen, wären ganz verzichtbar gewesen.
In der Erzählung, die den Titel „Benjamin“ trägt, heißt es: „Der Held, nach dem eine Serie benannt ist, schafft es immer.“ Das will der Erzähler von „Monster“ nicht für sich in Anspruch nehmen: „Das hier ist ja keine Geschichte, keine Serie, kein sonst was. Und ich werde es ja auch nicht schaffen. Aber du eben auch nicht.“ Auch wenn dieser Band nicht „Benjamin“ heißt und man es mit einem Anti-Helden zu tun hat, sind es thesenhafte Sätze wie diese, aus denen deutlich das Kalkül spricht, das auf die gelungeneren Schilderungen dieser Innenansichten eines Orientierungslosen abstrahlt. Es lässt den jungen Verlorenen unversehens gar nicht mehr so verloren wirken. Sondern ziemlich kontrolliert und seltsam abgeklärt.