01.08.2000 · Jetzt ist Ben erwachsen. Seine Vorgeschichte wird in Doris Lessings Roman „Das fünfte Kind“ erzählt, aber man kann die neuen Phasen seines Lebens als geschlossenes Werk auch ohne solche Vorkenntnisse gut verstehen.
Jetzt ist Ben erwachsen. Seine Vorgeschichte wird in Doris Lessings Roman "Das fünfte Kind" erzählt, aber man kann die neuen Phasen seines Lebens als geschlossenes Werk auch ohne solche Vorkenntnisse gut verstehen. Ben ist ein Außenseiter. Etwas ist in seiner biologischen Entwicklung anders gelaufen, er ist sofort als "nicht normal" erkennbar. Seine Andersartigkeit wird nicht klinisch benannt; um sie faßbar zu machen, wird sie dem Leser mit Metaphern aus dem Tierreich und dem Urmenschentum nähergebracht. Sein Gliederbau, seine Körperkräfte, seine pelzartige Behaarung sowie seine Beschränktheit und sein Unverständnis für das moderne Leben deuten in beide Richtungen.
Jedoch seine Empfindungen, sein Verlangen nach Geborgenheit, vor allem seine Ängste sind denen der meisten Lebewesen nicht unähnlich, und so kommen Beziehungen zu anderen Menschen zustande, vornehmlich zu solchen, die selbst an den Rändern der Gesellschaft leben müssen. Am besten läßt ihn Doris Lessing mit Frauen auskommen, die mit Sympathie auf das Kreatürliche in ihm reagieren.
Es wird aber keine Schwarzweißmalerei betrieben. Freilich wird er ausgenützt, hin- und hergestoßen, aber das Erstaunliche ist, daß er immer wieder Freundschaft und Beschützer findet. Es läßt sich nicht leugnen, daß es selbst einem mitfühlenden Leser schwerfällt, sich mit einigen seiner Eigenheiten abzufinden, etwa mit seiner Gewohnheit, Vögel zu fangen und ihr Fleisch roh zu verschlingen. Aber im Laufe des Romans freundet man sich doch mit ihm an und nimmt Anteil an der unverschuldeten Tragödie seines Lebens. Je übler ihm gespielt wird, um so deutlicher wird die Gemeinsamkeit aller Kreaturen.
Episodisch aufgebaut ist die Geschichte wie in einem Schelmenroman. Ben dient einer Reihe von egoistischen Herren, kommt von einem Milieu, einem Land in ein anderes, von England nach Frankreich, von Brasilien in die argentinischen Anden. Das Zusammenhanglose ist offenbar der Lebensmodus aller marginalisierten Existenzen. Mit Recht ist der Titel zweigliedrig, denn in der Konfrontation der sogenannten normalen Welt mit dem Abwegigen gerät ihre eigene Abwegigkeit in Sicht. Auf diese Weise fällt viel Licht auf eine Reihe von Nebengestalten. Die Autorin scheut sich nicht, sie ohne Kunstkniffe einzuführen - "Dies war ihre Geschichte" - und sie mit ebenso simplen Worten wieder zu entlassen: "Und so hat wenigstens ihre Geschichte ein Happy-End. Die Dinge gingen gut aus für sie." Eine solche Unbekümmertheit um erzählerische Feinheiten ist nicht das einzige Merkmal einer souveränen Schriftstellerin, die bereit ist, eine düstere Problematik mit handfesten Mitteln aufzulockern, mit Elementen des Kriminal- und sozialen Elendsromans. Im letzten Drittel steigert sie das Tempo zu atemberaubender Spannung, und im Kontrast zu einer wildgewordenen Wissenschaft, Abbild einer Gesellschaft, der nichts mehr heilig ist, nimmt der arme Unmensch in seiner Trauer geradezu edle Züge an.
EGON SCHWARZ.
Doris Lessing: "Ben in der Welt". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Lutz Kliche. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2000. 251 S., geb., 36,- DM.