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Bastian Conrad: Christopher Marlowe : So eine Maulwurfexistenz ist doch enorm anstrengend

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Bild: Verlag

War Christopher Marlowe Shakespeare? Diese Frage haben schon viele bejaht. Jetzt schließt sich der Münchner Neurologe Bastian Conrad der These an.

          Nur schade, dass der Mann gar so früh starb: am 31. Mai 1593, mit knapp Dreißig, bei einer Wirtshausrauferei; also Jahrzehnte vor dem (auf Abbildungen) reichlich hölzernen Herrn mit der großen Stirnglatze, den die Stratfordianer immer noch für den Autor von Shakespeares Werken halten. Dabei gäbe dieser Marlowe wirklich einen tollen Shakespeare ab, einen besseren allemal als der Earl of Oxford aus Emmerichs filmischer Räuberpistole „Anonymous“, der realiter nur ein mäßiger Literat war.

          Endlich einmal ein Studierter, dazu ein Freigeist - von dem so lockere Sprüche kolportierrt wurden wie „dass Christus ein Bastard sei“ und „jeder ein Narr, der nicht Knaben und Tabak liebt“ -, einer, der früh auf dem Theater Furore machte, und wohl auch ein Informant, der katholische Landsleute bespitzelte, um sie dann dem elisabethanischen Geheimdienst ans Messer zu liefern. Sein Tod im Stil eines Spionagethrillers lässt überdies manche Fragen offen; nicht auszuschließen, dass er auf einen Wink von oben beseitigt wurde, weil er mit seinem skandalösen Lebenswandel ein Sicherheitsrisiko darstellte.

          Die Leiche eines Frischgehenkten

          Wir hätten es also mit einem optimalen Kandidaten für Verschwörungstheorien zu tun, wie sie im Zusammenhang mit Shakespeare seit der Romantik, vorwiegend bei eher literaturfernen Kreisen, üppig ins Kraut schießen. Dafür sorgt eine kunterbunte Fantasy-Abteilung der Literaturgeschichte, die ihr Steckenpferd mit ähnlicher Hingabe reitet wie jene englischen Sherlock-Holmes-Fans, die ewig neue Details aus dem Privatleben ihres Idols zutage fördern - nur meist mit etwas weniger Humor. Denn man sieht sich, ungeachtet aller Divergenzen, einhellig als Opfer einer finsteren Verschwörung, angezettelt von den vermeintlichen Experten, um das Geheimnis des wahren Shakespeare im Dunkeln zu lassen. Und der zu erwartende Spott der Uneinsichtigen schlägt wohl im Voraus aufs Gemüt.

          Mit der wahren Identität William Shakespeares haben sich schon viele beschäftigt. Jetzt auch Bastian Conrad.

          Bastian Conrad, ehemaliger Leiter der Neurologischen Klinik der TU München, also ein seriöser Mann, präsentiert uns nun, wenngleich keineswegs als Erster, auf siebenhundert mit Herzblut geschriebenen, wiederholungsreichen Seiten Marlowe als Shakespeare, und damit „die einzige überzeugende . . . Lösung des jahrhundertealten Problems“. Das ,tödliche’ Argument gegen eine derart ausgedehnte posthume Existenz ist schnell vom Tisch: ein konspiratives Komplott, angeordnet von höchster Stelle, muss es sein, ein Scheintod, durch den seine hochmögenden Beschützer den Leichtfuß vor Folter und Galgen bewahren, um den Preis eines Identitätstausches mit einem tumben Stratforder Kaufmann namens Shakspere. (Um sich von seinem Strohmann wenigstens orthographisch abzusetzen, zeichnet Conrads Marlowe von nun an als Shakespeare.) Zum ,Beweis’ seiner These stellt uns der Autor für das Marlowesche Begräbnis sogar die Leiche eines Frischgehenkten zur Verfügung.

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