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Babylonische Gefangenschaft : Die letzten Juden von Bagdad

  • -Aktualisiert am

Bild: Eichborn

Mona Yahia wurde 1954 als Jüdin in Bagdad geboren. Ihr Roman „Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom“ ist dennoch keine verkappte Autobiografie.

          Wenn Lebenserfahrung schon die Garantie für einen guten Roman wäre, würde es genügen, die wechselvolle Biographie der Autorin nachzuerzählen, und die außerordentliche Qualität dieses Buches wäre erklärt. Mona Yahia wurde 1954 in Bagdad geboren - als Jüdin. Zu diesem Zeitpunkt hatten 122000 der rund 130000 irakischen Juden das Land bereits in Richtung Israel verlassen und damit das Ende der jahrtausendealten jüdischen Präsenz im Zweistromland eingeleitet.

          Anders als in Europa, wo die Juden immer wieder verfolgt wurden, lebten sie im Irak bis ins zwanzigste Jahrhundert weitgehend unbehelligt. Als jedoch der Irak zusammen mit Palästina zum britischen Mandatsgebiet wurde, gerieten auch die irakischen Juden in den Sog der durch die jüdische Einwanderung herausgeforderten jüdisch-palästinensischen Auseinandersetzungen im Heiligen Land. Zu ersten Pogromen kam es 1941 nach einem prodeutschen Putsch im Irak, der von den Engländern bald niedergeschlagen wurde. Der erste arabisch-israelische Krieg von 1948 erhöhte den Druck auf die Juden so stark, daß viele versuchten, heimlich das Land zu verlassen, bis die irakische Regierung den Juden Anfang der fünfziger Jahre um den Preis der Ausbürgerung die Ausreise erlaubte. Nur wenige Tausend blieben, darunter auch die Familie von Mona Yahia. Im Jahr 1969 - der Zeitpunkt, mit dem das Buch beginnt und endet - machen sich auch die letzten in Bagdad verbliebenen irakischen Juden unter größten Gefahren zur Flucht bereit. Ihre Geschichte bildet den Hintergrund dieses Buchs.

          Aber so viele Erinnerungen und Erlebnisse die Hauptfigur und Ich-Erzählerin, das Kind Lina, mit der Autorin auch teilen mag, um eine verkappte Autobiographie handelt es sich nicht. Der Roman ist viel zu konsequent und geschickt literarisch aufbereitet. Fast jedes Kapitel schlägt einen eigenen Spannungsbogen und bleibt doch mit der restlichen Geschichte verwoben. Soweit wie möglich werden die Ereignisse szenisch aufbereitet, der Dialog bestimmt weite Teile des Buchs. Informationen über die Geschichte der Juden im Irak, die als Exkurse kaum auffallen, vermitteln dem überraschten Leser die notwendigen Hintergrundinformationen. Die Erzählperspektive ist zunächst die des Kindes, dann der Pubertierenden.

          Die jüdische Gemeinde, so wie Yahia es schildert, wird eindeutig diskriminiert, ist jedoch in der ersten Zeit nach der Auswanderungswelle von 1951 noch nicht wirklich bedroht. Meist bleiben die Juden unter sich. Die Kinder gehen in eine jüdische Schule. Daß sie latent gefährdet sind, erfahren sie nur, wenn es propalästinensische Demonstrationen oder wieder einmal einen Staatsstreich gibt. Dann haben sie schulfrei, weil die jüdische Schule das Ziel aufgebrachter Demonstranten sein könnte. Da jeder neue Machthaber seinen Vorgänger der Zusammenarbeit mit Israel bezichtigt, zieht sich die Schlinge um die Juden in Bagdad mit jedem Staatsstreich enger. Aber bis 1967 bleibt die Situation erträglich, wenngleich allen klar ist, daß sie in diesem Land keine Zukunft haben. Bis zu dieser Zeit dürfte sich diese Kindheit nur wenig von derjenigen muslimischer Kinder in Bagdad unterschieden haben, und wer in den fünfziger Jahren in einer deutschen Großstadt aufwuchs, dürfte Lina um den Reichtum an Gerüchen, Farben und Geschichten, die ein Kind damals in Bagdad noch sammeln konnte und die die Autorin jetzt so lebendig vermittelt, durchaus beneiden.

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