14.12.2003 · Eigenlob stinkt - deswegen erzählt Gordon Sumner, alias Sting, jedem, der es hören will, wie bescheiden und bodenständig er ist. Jetzt hat er damit sogar 370 humorfreie Seiten gefüllt.
Von Nils MinkmarWarum geht Sting einem eigentlich so leicht auf die Nerven?
Hat nichts verbrochen, macht erträgliche Musik (obwohl Elvis Costello ihm seit Jahren für diesen affektierten Gesangsstil Schläge verspricht) und scheint trotz seines Erfolgs ein feiner, ganz normaler Kerl geblieben zu sein. Sagt er jedenfalls gern. Und oft.
Beunruhigend oft: Wer kommt denn überhaupt auf die Idee zu betonen, wie normal und menschlich er sei - außer einem, der einen sehr starken Drang bekämpfen muß, nicht laut zu bejubeln, wie überirdisch strahlend sein ganzes Wesen ist, weil er die sozialen Konsequenzen des berechtigten Selbstlobs fürchtet und weil er nicht gern beneidet und gehaßt, sondern viel lieber bewundert wird, und zwar für jeden noch so entlegenen Grund, sogar für seine unglaubliche Bescheidenheit. Oder eben seine literarischen Fertigkeiten.
Besser als die Anderen
Stings Fluch, das bringt er uns in seiner Autobiographie schonend bei, ist es, schon immer anders und (er relativiert dann an solchen Stellen gern weise die Parameter weltlichen Erfolgs) nach herkömmlichen Kriterien wie Kreativität, Fleiß, Intelligenz, Musikalität, mathematische Begabung, gutes Aussehen - irgendwie auch, na ja, besser (man glaubt Stings innere Stimme kreischen zu hören: "viel BESSER!!! Aber: schön bescheiden!") als seine Nachbarskinder, Klassenkameraden und Kollegen gewesen zu sein.
Warum sich The Police irgendwann auflösten? "In einem Kommentar hieß es, daß die Police zusammengeblieben wären, wenn die anderen mich weniger gebraucht hätten und ich die anderen mehr. Das wird zwar der weit komplizierteren Situation nicht gerecht, aber ich muß zugeben, daß ein Körnchen Wahrheit darinsteckt." Immerhin hat der dumpf und unterkomplex vor sich hin schreibende Musikkommentator also wenigstens schemenhaft erkannt, wo das Licht am hellsten strahlte.
Lautere Motive
Zu spät erkannte das Nachbarsjunge Tommy: Der gute Tommy war früher mal, in der düsteren Vorstadt von Newcastle, Stings bester Freund. Tommy hatte aber lieber eine gute Zeit, als daß er Hausarbeiten gemacht hätte wie Sting (obwohl, das sei nicht vergessen, Sting auch gern eine sehr gute, ja eine wilde Zeit hatte und mit schweren Jungs rumhing, beinah auf die schiefe Bahn geraten wäre und allerlei Sachen angestellt hat, Sachen, die denen von Friedrich Merz auf seinem Mofa in nichts nachstanden).
Aber Sting kam eben auf die weiterführende Schule, bekam sogar ein Stipendium. Aus diesem Anlaß spendierte der Vater ihm ein schönes rotes Fahrrad. Dann erzählt ein eigenartiges Kapitel davon, wie Sting, der gute Schüler, mit seinem neuen roten Rad zu Tommy, dem schlechten Schüler, fährt, der ganz traurig vor dem Fernseher hängt und das Testbild schaut, weil er eben nicht auf die bessere Schule darf und auch kein neues Fahrrad hat. Das Leiden des Underachievers wird detailliert beschrieben, dazu wird erläutert, wie das Leben beziehungsweise das englische Bildungssystem die Jungs voneinander trennt, wie später Sting weiter studiert, während Tommy Zeitungen verkauft und schließlich vorzeitig stirbt, weil er besoffen eingeschlafen ist und vergessen hat, den Gasofen auch anzuzünden, nachdem er das Gas aufgedreht hat.
Aber warum erzählt uns der Autor das alles? Es ist, als hätten die Beatles ein Buch über die armen Seelen verfaßt, die nicht in ihrer Band mitspielen wollten, um ihre Stellung im öffentlichen Dienst der Stadt Liverpool nicht zu gefährden.
Noch der Frommste mit den lautersten Motiven spürt in sich, wenn er einem Bedürftigen hilft, einen Rest von Freude darüber, daß es ihm besser ergangen ist, schreibt Montaigne in den Essais. Und weil Sting einer mit besonders lauteren Motiven ist, scheint seine Freude recht groß zu sein, wogegen nichts einzuwenden wäre: Es ist schließlich nachvollziehbar daß man lieber Sting ist als ein krebskranker Frührentner in Newcastle.
Aber weil Sting Sting ist, muß er leider 370 humorfreie Seiten damit füllen, wo Sir Mick Jagger mit einem Satz auskäme: "It's good to be me."
Sting, Broken Music. Autobiographie. Aus dem Englischen von Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie, S.Fischer Verlag, 379 S.