20.08.2008 · „Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!“, notierte Goebbels in seinem Tagebuch. Eine Doppelausstellung in Neuhardenberg und Frankfurt an der Oder dokumentiert die Vereinnahmung Heinrich von Kleists im „Dritten Reich“.
Von Alexander KošeninaDie Abiturfrage im Fach Deutsch lautete im Jahre 1944 in Schleswig-Holstein: „Hätte H. v. Kleist auch Selbstmord begangen, wenn er SS-Offizier gewesen wäre?“ Es ist schwer zu ermessen, wie Schüler auf diese Aufgabe reagierten, und noch schwerer, die politisch damals korrekte Antwort zu erahnen. Erwartete man einen Rückgriff auf den kanonisch gewordenen „Katechismus der Deutschen“, der 1939 in einer eigens entworfenen, ,heidnischen' „Kleist-Fraktur“ erschien? Oder sollten Unterrichtsinhalte vom bedingungslos für das Vaterland kämpfenden und zum Sterben bereiten Prinzen von Homburg, von Kohlhaas als Austräger von Hitlers „Notwehr“-Doktrin oder von Hermann als rachsüchtigem Verteidiger Germaniens auf den Dichter angewendet werden?
Kleist hat es der Nachwelt nicht sonderlich schwer gemacht, seine Werke ideologisch zu instrumentalisieren. Den geistigen und oft geistlosen Missbrauch im Nationalsozialismus dokumentiert jetzt eine Ausstellung, die einen emphatischen Tagebucheintrag Joseph Goebbels' nach einem Homburg-Abend 1941 als Titel nutzt: „Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!“ Die Schau ist auf zwei Häuser verteilt: Im Schloss Neuhardenberg kann man den umfangreichen Hauptteil besichtigen, der im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder auf Schautafeln gespiegelt und um Dokumente zur rapiden Gleichschaltung der Kleist-Gesellschaft ergänzt wird.
Vernachlässigtes Museum
Bernd Kaufmann, der Generalbevollmächtigte der schmucken Schlossstiftung, versäumte in seinen Eröffnungsworten nicht, das damit verbundene Politikum eindringlich zu benennen: Das eigentlich zuständige Museum am Geburtsort des Dichters ist derart vom Bund vernachlässigt, dass es neben der ständigen Ausstellung keine Spielräume für Präsentationen hat. Noch wäre Zeit, den dringend benötigten Anbau bis zum Kleist-Jahr 2011 fertigzustellen, um den peinlichen Eindruck mangelnden Interesses an dem im Ausland meistgespielten deutschen Dramatiker abzuwenden.
So öffnet das Hardenbergsche Anwesen großzügig die Bühne für ein ebenso wichtiges wie schwieriges Thema und macht damit etwas von jener Kaltschnäuzigkeit des einstigen Hausherrn und Staatskanzlers Fürst von Hardenberg wieder gut, der eine Vorschussbitte Kleists am Tag nach dessen Tod mit der Notiz abtat: „Zu den Acten, da der p. v. Kleist 21.11.11. nicht mehr lebt.“ Kleist, vernarrt in die Idee, dass ihm „auf Erden nicht zu helfen war“, hilft diese Ausstellung ungemein zur Verteidigung gegen abwegige Vereinnahmungen im „Dritten Reich“.
„Nein, wir sind Germanen“
Dass diese nicht nur von dumpfen Ideologen und einfältigen Paukern betrieben wurden, sondern auch von anerkannten Wissenschaftlern und Schriftstellern, macht die Sache prekär. So rief etwa der Kleist-Herausgeber Georg Minde-Pouet Kleist sogleich als „Klassiker des national-sozialistischen Deutschland“ aus und nötigte schon 1934 den Mitgliedern der von ihm geführten Kleist-Gesellschaft eine hier ausgestellte Ehrenerklärung ab, keine jüdischen Wurzeln zu besitzen und keiner Freimaurerloge anzugehören. Elisabeth Frenzel lastet 1940 in ihrer Dissertation über „Judengestalten auf der deutschen Bühne“ jüdischen Dramatikern die Verdrängung Kleists vom Theater an.
Ein Frauenstaat mit einer blutrünstigen Megäre an der Spitze, die im Kriegsrausch Küsse und Bisse nicht mehr unterscheiden kann, entsprach nationalsozialistischen Weiblichkeitsidealen zwar weit weniger als Hermanns Thusnelda oder das treue und still leidende Käthchen, das noch dazu von hoher Herkunft ist. Doch Kleists Grausamkeiten und Gewaltexzesse minderten seine Beliebtheit im Dritten Reich keineswegs. Vor allem sein patriotisches Hohelied der Vernichtung, sei es der Römer durch die Germanen in der „Hermannsschlacht“ oder „aller Feinde Brandenburgs“ im „Prinz Friedrich von Homburg“, passte bestens ins Kampfkonzept.
Riefenstahls Inspiration
Die „Penthesilea“ ist davon nicht ausgenommen. Als erstes deutsches „Freilichtschauspiel“ brachten 1939 die Luisenburgfestspiele in Wunsiedel diese „heldischen Menschen“ erfolgreich auf die Naturbühne. Unter den Zuschauern war auch Leni Riefenstahl, die sich sogleich zu einem Film inspiriert fühlte: Das dramatische Duell zwischen dem griechischen und dem Amazonenheer wollte sie in der Libyschen Wüste drehen, die düstere Schlussszene hingegen vor dunklen Wolkenbänken über Sylt. Dieser Film kam so wenig zustande wie die Inszenierung des „Robert Guiskard“ auf dem germanischen Thingplatz über den Dächern Heidelbergs. Vergegenwärtigt man sich diese noch heute beklemmende Kultstätte, ist die Volksszene im ersten Akt des Fragments leicht als nationalsozialistischer Massenaufmarsch vorstellbar.
Politisch harmloser wirkt hingegen Gustav Ucickys Ufa-Produktion „Der zerbrochene Krug“ von 1937 mit dem bekennenden Nationalsozialisten Emil Jannings in der Hauptrolle. Goebbels entdeckte das Wirkungspotential des Stücks für das Volkserziehungsprogramm „Kraft durch Freude“. So ging die bauernschlaue Komödie viertausend Kilometer auf Tournee und erreichte auf „Reichsautobahnbühnen“ entlang der größten deutschen Baustelle mehr als 100.000 Arbeiter.
Auch Regimekritiker vertreten
Bei dem Gang durch die Ausstellung ist zu bedenken, dass nicht alle gezeigten Stücke der Kleist-Rezeption aus der Zeit von 1933 bis 1945 nationalsozialistisch geprägt sein müssen. Die vorgestellten Inszenierungen, Deutungen und Wirkungsdokumente sind unterschiedlich stark belastet. Außerdem sind Regimekritiker vertreten, etwa ein Kleist-Essay von Fritz Erpenbeck aus der Moskauer Exilzeitschrift „Das Wort“ oder Illustrationen zum „Michael Kohlhaas“ von Ernst Barlach, der 1937 aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen wurde und dessen Arbeiten beschlagnahmt wurden. Dazu hätte sich noch die von Kleist ausgehende Furcht im Ausland gefügt, sinnfällig etwa in der Bemerkung des französischen Schriftstellers Jean Cassou zum „Kohlhaas“ von 1937: „Der ganze Hitler ist da.“
In den Vitrinen hätte man sich gelegentlich eine deutlichere Trennung nach geistiger Provenienz gewünscht, um beim Publikum so fatale Kurzschlüsse wie den zu vermeiden, den Geistesaristokraten Max Kommerell mit seinem von Walter Benjamin kritisch diskutierten Buch „Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik“ von 1928 in die Nähe der braunen Ideologie zu rücken. In diesem seltenen Fall hilft selbst das ausgezeichnete Exponatverzeichnis der Kuratorin Caroline Gille, das angesichts der gedämpften Beleuchtung unabdingbar ist, nicht weiter. Heikle Themen erfordern zuweilen doch mehr Kontext, und so darf es als Glücksfall gelten, dass Martin Maurachs Buch „Betrachtungen über den Weltlauf, Kleist 1933-1945“ die Ausstellung begleitet und dort ausliegt.
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Christian Strunz (musculus)
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