"Samenraub" war ein ziemlich kurzlebiges Boulevardwort - fast hat man die dazugehörige Geschichte schon wieder vergessen. Nun gibt es den Roman zum Wort. Hélène Duffaus Erstling "Schrei!" lotet jedoch keineswegs die Möglichkeiten künstlicher Do-it-yourself-Befruchtung nach Liebesspielen in der Besenkammer eines Hotels aus. In manierierter Schlichtheit, die nur Hauptsätze zuläßt, schildert eine selbstverständlich namenlos bleibende Frau, wie sie lebt, seit sie von einer Gruppe Männer vergewaltigt wurde und daran emotional zerbrach. Sie kapselt sich vollständig von der Außenwelt ab, bestellt Lebensmittel und Kleidung per Versand und mietet ein zusätzliches, klinisch saubergehaltenes Zimmer. Darin schläft sie pro Jahr mit achtzig (wieso genau achtzig?) Unbekannten, obwohl sie nach dem erlebten Horror Sex haßt, und sammelt heimlich deren Ejakulat. Gourmet-Mahlzeiten oder dem Lippenstift zugesetzt, hilft es als einziges Mittel gegen ihre gräßlichen psychosomatischen Beschwerden.
Ob man das appetitlich findet, ist Geschmackssache. Nicht jedoch, daß Handlung und Hauptperson jegliche psychologische Stimmigkeit fehlen. Sehr merkwürdig, daß das Melken von Männern als umgekehrte Vergewaltigung und besonders perfide Art der Rache funktionieren soll. Denn während für die Erzählerin die Vergewaltigung ein irreparabler Verlust körperlicher und seelischer Unversehrtheit gewesen ist, finden die - zudem ja in die Ernährungsgewohnheiten der Frau nicht eingeweihten - Männer trotz allem ihre Befriedigung und empfinden den Samenerguß nicht als seelische Verstümmelung. Das liegt nun einmal in der Natur der Dinge. Vielleicht wäre es ja für manches ihrer vermeintlichen Opfer sogar ein besonderer Kitzel, wenn es wüßte, wie abhängig sie davon ist.
Mancher Leser könnte gewillt sein, Hélène Duffaus Kurzroman als Psychogramm einer äußerst gestörten, verzweifelten Seele aufzunehmen, und die an vielen Orten praktizierte Brutalität gegenüber Frauen betrauern. Das ist aber eigentlich schon zuviel der Ehre für das Buch. Die Grundkonstruktion einer Abhängigkeit von Sperma als Folge einer Vergewaltigung ist einfach vollkommen abwegig. Zum Glück lockt man mit purem Körpersaft-Einsatz in der Literatur inzwischen keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Diese vom Laken gekratzte Geschichte sollte man schleunigst vergessen.
ANNETTE ZERPNER
Hélène Duffau: "Schrei!". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Brigitte Große. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005. 96 S., geb., 15,90 [Euro].