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: Augen ohne Blick

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Ein Mord im Stadtpark am Weihnachtsabend, so fängt alles an: Es ist nur ein Schwan, der dran glauben muß, aber die Gewalt ist weiß und rot, mit Federn und Blut bildkräftig eingebrochen in das winterliche Berlin. Michael, Bummelstudent der Geisteswissenschaften, hat sich von Rahman, seines Zeichens irakischer Bauarbeiter, in etwas hineinreiten lassen.

          Ein Mord im Stadtpark am Weihnachtsabend, so fängt alles an: Es ist nur ein Schwan, der dran glauben muß, aber die Gewalt ist weiß und rot, mit Federn und Blut bildkräftig eingebrochen in das winterliche Berlin. Michael, Bummelstudent der Geisteswissenschaften, hat sich von Rahman, seines Zeichens irakischer Bauarbeiter, in etwas hineinreiten lassen. Der gebratene Vogel schmeckt nicht besonders, und Ärger mit der Polizei gibt es auch. Dennoch wird Michael rückfällig werden, das zeichnet sich ab, und sich bis in Rahmans Heimat verirren.

          Sherko Fatahs zweiter Roman "Onkelchen" schlägt die Brücke zwischen den zwei Herkunftsufern des Autors. "Im Grenzland", der hochgelobte, mit Preisen ausgezeichnete Romanerstling über einen Schmuggler im bergigen Niemandsland, war ausschließlich dem kurdischen Irak gewidmet. Nun nimmt Fatah den Übergang zwischen den Kulturen in den Roman hinein, kondensiert in der Begegnung Michaels mit der rätselhaften und symbolträchtigen Figur des "Onkelchens". Der "kleine Onkel", mit bürgerlichem Namen Omar und ehemaliger Lehrer, ist Flüchtling. Seinen Namen verdankt er Nîna; als Weggefährtin und fürsorgliche Vertraute ist sie die einzige, die Worte aus seinem von der Folter verstümmelten Mund hört. Gegen den Rest der Welt wahrt er obstinates Schweigen und einen entleerten Blick: "Das Schreckliche an diesem Onkelchen waren seine Augen, die nichts von dem widerspiegelten, was er empfand." Während Michael Gewalt erst kennenlernt, hat Omar ihr längst den höchsten Preis gezahlt.

          Michaels Bekanntschaft mit den drei Exilanten wird möglich durch sein eigenes Driften: Der Endzwanziger ist "unbefestigt" im Leben und daher für das Unerwartete zu haben. Seine bequeme transzendentale Obdachlosigkeit allerdings, subventioniert durch monatliche Überweisungen der Eltern, ist Welten entfernt von der viel handfesteren Nînas und Omars. Als Michael sich in die attraktive Frau verliebt und Omars Rätsel ergründen will, scheint eine Annäherung möglich, aber Mißverständnisse sind vorprogrammiert - der charismatische Grenzgänger Rahman stellt das unerbittlich klar. Autoritär, selbstverliebt und merkwürdig haltlos zugleich, ist er Widerstand und Katalysator der Fremdheitserfahrung. Michael akzeptiert seinen Vorschlag, zu zweit ein Auto in den Irak zu überführen: eine Initiationsreise, auf der er Stationen von Omars Flucht besucht, in der Hoffnung, ihn zu verstehen. Es gelingt ihm, in Grenzen nur und unerwartet, als er schließlich selbst Opfer von Gewalt wird. Die harte Lehre: Verstehen ohne Erleben ist unmöglich, Erleben aber ist schmerzbeladen.

          Fatah nähert sich seinen Figuren auf seltsam kreisende Art. Manchmal scheint er vor sich hin zu erzählen, ins Anekdotische abzurutschen: Die Kritik hatte "Im Grenzland" einen Mangel an Komposition attestiert. Auch in "Onkelchen" gibt es diese Tendenz, besonders im ersten Teil, der in Berlin spielt. Packender ist die Reiseerzählung, die den Leser erneut ins kurdische Bergland um Sulaimania entführt, Schauplatz auch von "Im Grenzland". Motive kehren wieder, das "Rote Haus", nun als Ruine, und, in der Ferne, das inzwischen weltbekannte Gefängnis von Abu Ghreib. Omnipräsent sind verlassene Häuser, konkrete Sinnbilder dieser "unbefestigten" Gegend. Am nachhaltigsten beeindruckt jedoch die öde Landschaft: "Wie hingeworfen vor die gewaltigen Bergsockel in der Ferne breitete sich diese mal struppig überwachsene, mal von schneebedeckten Feldern gezeichnete Erddecke hin, gewölbt und an vielen Stellen schon durchstoßen vom dunklen Fels, der überall beharrlich aufwärts zu drängen schien." Fatahs Entwurzelte sind in die nackte Elementarität einer unwirtlichen Natur geworfen, gemalt in Grün-, Grau- und Brauntönen. Diese erdige Farbsymphonie, die an Theo Angelopoulos' Filme über balkanische Grenzgänger erinnert, spiegelt durch Nähe und Vermischung ihrer Nuancen die territoriale Auflösung, die Haltlosigkeit, das Unstete.

          Fatah fragt nach der Möglichkeit von Verstehen und verdoppelt so die Reflexion über das Thema Exil, wie sie zur Zeit im Kino ihr Echo findet. Schon das bloße Erinnern an Flüchtlingsschicksale gibt seinem Schreiben eine eminent politische Dimension. Diese dominiert das Geschehen jedoch nicht: Fatah ist zuerst Romancier, dann engagiert, und genau das läßt seine Texte schmerzhaft nahe kommen. Sie sind rauh, nicht streng geformt, manchmal repetitiv, aber ein Problem treibt sie um, keine Wohlstandsneurose. Es ist echte Sorge, die Sherko Fatah zum Schreiben zwingt - und ihn zum Schriftsteller macht. Von diesen Autoren wurden in letzter Zeit ja immer weniger gesichtet.

          NIKLAS BENDER

          Sherko Fatah: "Onkelchen". Roman. Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien 2004. 300 S., geb., 19,90 [Euro].

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