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Veröffentlicht: 22.01.2008, 12:00 Uhr

Auf Dauer kein Verlass

Er sei kein Lyriker. Mit dieser Bemerkung hat Peter Handke eine Sammlung seiner Gedichte zunächst abgelehnt, dann aber dem Drängen seiner Verlegerin nachgegeben. Nun also gibt es sie, die gesammelten Gedichte, und der Dichter hat an Auswahl und Gliederung selbst mitgewirkt. "Leben ohne Poesie" umfasst ...

Er sei kein Lyriker. Mit dieser Bemerkung hat Peter Handke eine Sammlung seiner Gedichte zunächst abgelehnt, dann aber dem Drängen seiner Verlegerin nachgegeben. Nun also gibt es sie, die gesammelten Gedichte, und der Dichter hat an Auswahl und Gliederung selbst mitgewirkt. "Leben ohne Poesie" umfasst fast alles, was Handke seit seinem vielbeachteten Bändchen "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" an lyrischen Texten publiziert hat; darunter den Band "Gedicht an die Dauer" und weitere Lang- und Kurzgedichte, die in diversen Prosabänden und in seinen fünf Notizbüchern erschienen sind. Ist Handke also doch ein Lyriker?

Als Handke in den Sechzigern mit lyrikhaften Texten anfing, waren das grammatikalisch-linguistische Exerzitien, mal streng, mal witzig; es waren Satzspiele, Wörterspiele, Begriffsspiele. Sie waren einfallsreich und wirkten avantgardistisch. Sie führten modellhaft sprachliche Übereinkünfte und Klischees vor, um sie zur Disposition zu stellen. Der junge Österreicher mochte als Erbe von Karl Kraus erscheinen. Er wollte aber keiner von den Epigonen sein, die im alten Haus der Sprache wohnen. Er wollte das alte Haus demontieren. Vielleicht suchte er auch nach einem neuen Haus.

Der früheste Text in "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" stammt von 1965. "Das Wort Zeit" beginnt: "Die Zeit ist ein Hauptwort. Das Hauptwort bildet keine Zeit. Da die Zeit ein Hauptwort ist, bildet die Zeit keine Zeit." Man konnte derlei linguistische Beweisführungen durchaus als zeitfeindlich oder zeitkritisch verstehen; und damals, im Gefolge revolutionärer Stimmungen, hat man Handkes Sprachkritik oft kurzerhand als Gesellschaftskritik genommen. Aber Handke hatte nicht bloß sprachliche, sondern auch Dingklischees im Auge, die Erfahrung verhindern.

Er fand sich "Am Rande der Wörter" und wollte - anders als die damaligen Experimentellen - nicht in die Wörter zurück, sondern über sie hinaus. Er suchte und fand "Die neuen Erfahrungen". Sie erscheinen zunächst als gegliederte Rituale, als wollten sie lediglich die Zwänge gesellschaftlichen Verhaltens kenntlich machen; aber dann schlug doch und wie unvermittelt ein existentielles Moment durch: "1948 / an der bayrisch-österreichischen Grenze / im Ort Bayrisch-Gmain ( ,in welchem Haus mit welcher Nummer?') sah ich / auf einem Bettgestell / unter einem Leintuch / hinter Blumen / zum ersten Mal / einen Menschen der tot war." Modellsituation oder schon autobiographisches Bekenntnis? Dieser Text von den neuen Erfahrungen steht nicht ohne Grund zu Anfang des Innenwelt-Außenwelt-Bändchens, am Anfang auch des lyrischen OEuvres. Er markiert eine Weggabelung. "Die Literatur ist romantisch" war der Titel einer kleinen Broschüre, einer Absage an das damals modische Engagement. Der geheimnisvolle Weg - so schien es - würde fortan nach innen gehen.

In den siebziger Jahren schrieb Handke drei lange Gedichte: 1972 "Leben ohne Poesie", 1973 "Blaues Gedicht" und 1974 "Die Sinnlosigkeit und das Glück". Sie stehen nun, in umgekehrter Reihenfolge, am Schluss des Sammelbandes, quasi als Summe des Handkeschen Poetisierungsprogramms von Welt und Leben.

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