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: Auch Unschuld ist nur eine Frage der Sprache

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Welchen Nutzen haben vergleichende Bibelstudien? Man lernt, wenn man Wittgenstein zu anstrengend findet, "dass alles nur eine Frage der Sprache" ist. Der Philosoph hatte ja nur von sich gesprochen, als er behauptete: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Aber vielleicht war ...

          Welchen Nutzen haben vergleichende Bibelstudien? Man lernt, wenn man Wittgenstein zu anstrengend findet, "dass alles nur eine Frage der Sprache" ist. Der Philosoph hatte ja nur von sich gesprochen, als er behauptete: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Aber vielleicht war seine Sprache einfach zu beschränkt, und eine andere hätte die Grenze der Welt weiter hinaus schieben oder gar aufheben können? Wer Letzteres annimmt, ist schon mitten in der Theologie. Zwar will das Neue Testament wissen, dass im Anfang das Wort war; aber der Glaube an eine Wahrheit, die sich anders als sprachlich offenbart, lässt sich deswegen noch nicht preisgeben.

          Das also nutzen vergleichende Bibelstudien: Sie lehren, dass alles nur eine Frage der Sprache ist. Ein Pfarrer weiß das. Und Pfarrer Johannes spricht da aus Erfahrung: "Mit Worten könne man Prozesse gewinnen, Prozesse verlieren, Prozesse verhindern, dozierte er daher, was bei einem, der freigesprochen wurde, ungute Gedanken aufkommen lassen kann, als sei auch Unschuld nur eine Frage der Sprache." Johannes hat einen Prozess wegen Kindesmissbrauchs vor sieben Jahren zwar gewonnen; aber was hilft ihm das, wenn seine Sprachkritik ihm die Tatsache, dass er heil aus der Sache herausgekommen ist, ebenfalls im Zwielicht erscheinen lässt? Ein anderer Name dafür ist Ambivalenz: Man kann es drehen und wenden, wie man will. In der Musik spricht man von enharmonischer Verwechslung: Jede Note ist erhöht oder erniedrigt, wie man will.

          Es verwundert nicht, dass ein auch musikalisch mit allen Weihwassern gewaschener Schriftsteller wie Karl-Heinz Ott mit diesem Sachverhalt etwas anfangen kann, das die sprachkritischen Erwägungen etwa seines südbadischen Kollegen Martin Walser an Subtilität weit übertrifft. Zwar siedelt sein dritter Roman "Ob wir wollen oder nicht" stofflich und personell im Bermudadreieck der ewigen, dabei aber natürlich sehr unterschiedlichen Schwadroneure Thomas Bernhard, Eckhard Henscheid, Andreas Maier; im Grunde ist er aber, an der Schnittstelle zwischen Philosophie, Theologie und Musik, ein Anverwandter von Thomas Manns "Doktor Faustus" und setzt wie dieser die Ambivalenz als menschliche Grundempfindung ins Werk.

          Dieser Befund mag überraschen angesichts eines Zweihundert-Seiten-Romans, der auf nationalpsychologische Repräsentanz keinen Anspruch erhebt und auch eines mythischen Einschlages weitgehend entbehrt. Aber Ott hat einen Kriminal- und Heimatroman geschrieben, dessen Welthaltigkeit imponiert. Das ist womöglich eine Folge des literarischen Verfahrens: Der Held Richard T., ein Tankstellenpächter, erzählt die ganze, sich eigentlich nur auf zwei Tage im Südschwarzwald erstreckende Handlung in Form eines inneren Monologs, der nur sehr gelegentlich von Dialogen unterbrochen wird, die dann allerdings umso größere Prägnanz haben. Die entscheidende Vorgeschichte bildet der Pädophilenprozess gegen den Pfarrer Johannes, der mit Richard eine Freundschaft unterhielt, die auf alltäglichen Besorgungen und Gesprächen buchstäblich über Gott und die Welt fußte, aber nichts dazwischen kannte.

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