24.01.2008 · PARIS, 23. JanuarWarum steht auf dem Grabstein "Hassan Hans, genannt Si Mourad" und nicht einfach: Hans Schiller? Diese Frage führt den jungen Franzosen Rachel in seinem entlegenen algerischen Herkunftsdorf zu bestürzenden Entdeckungen, die sein Leben aus der Bahn werfen. Schon beim algerischen ...
PARIS, 23. Januar
Warum steht auf dem Grabstein "Hassan Hans, genannt Si Mourad" und nicht einfach: Hans Schiller? Diese Frage führt den jungen Franzosen Rachel in seinem entlegenen algerischen Herkunftsdorf zu bestürzenden Entdeckungen, die sein Leben aus der Bahn werfen. Schon beim algerischen Konsulat in Paris war er stutzig geworden, wo er, nachdem er in den Fernsehnachrichten vom Überfall fundamentalistischer Mörderbanden auf das Dorf seiner Eltern gehört hatte, ein Einreisevisum nach Algerien beantragte. "Aïcha und Hans Schiller?", fragte der Beamte - da könne er den Antragsteller beruhigen: Die seien nicht auf seiner Liste, er habe nur eine Aïcha Majdali und einen Hassan Hans. "Das sind sie, meine Eltern." - "Herzliches Beileid."
Der neue Roman des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal, der in Frankreich unter dem Titel "Le village de l'Allemand - ou le journal des frères Schiller" (Das Dorf des Deutschen oder Das Tagebuch der Brüder Schiller) bei Gallimard gerade erschienen ist, reißt einen Abgrund auf und zeigt zugleich, wie weit die Literatur aus dem arabisch-islamischen Kulturraum den dortigen Wortführern und unseren westlichen Zerrbildern davon voraus ist. Als dritte bedeutsame Romannovität Frankreichs zum Thema Nationalsozialismus führt er, nach Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" und Philippe Claudels "Rapport de Brodeck", auch vor, mit welcher Intensität die Auseinandersetzung mit dem Thema weiterhin stattfindet. Der auf Französisch schreibende Sansal schlägt in seinem Roman einen Bogen zwischen Islamismus und Nationalsozialismus, der in den ersten Reaktionen in Frankreich sowohl helle Empörung wie spontane Zustimmung hervorruft.
Zwei bei einem Onkel in der Pariser Vorstadt aufgewachsene Brüder algerischer Herkunft entdecken in Sansals Roman nach dem Tod ihrer Eltern, dass ihr Vater - ein Deutscher, der sich im algerischen Unabhängigkeitskrieg verdient gemacht hatte, dann als Hassan Hans Schiller die schöne Tochter des Dorfscheichs heiratete und nach dessen Tod selbst zum weithin angesehenen Scheich wurde - früher als Mitglied der Waffen-SS in Buchenwald, Dachau, Lublin-Majdanek tätig war. Geschildert wird diese Entdeckung über die ineinander verwobenen Tagebücher der beiden Brüder. Rachel ist der ältere, ein erfolgreicher Kaderangestellter, der für einen großen Konzern arbeitet. Er notiert die Ergebnisse seiner Erkundungen nach dem Tod des Vaters 1994 in seinem Tagebuch, das nach seinem Selbstmord zwei Jahre später seinem viel jüngeren Bruder Malrich in die Hände fällt. Dieser führt mit seinen untätig in der Pariser Vorstadt herumhängenden Kumpeln das Randdasein eines kleinen Dealers und reagiert auf die Hinterlassenschaft seines Bruders seinerseits mit Tagebuchschreiben, in unbeholfenem Stil und zunächst völlig unbeleckt von Geschichtskenntnissen.
Der in Algerien lebende Boualem Sansal hat in seinen bisherigen Büchern - "Der Schwur der Barbaren", "Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum", "Erzähl mir vom Paradies", "Harraga", die in deutscher Übersetzung im Merlin Verlag erschienen sind - die blutigen Terrorjahre seines Landes spannungsvoll und sprachlich überwältigend dargestellt. Dieser ehemalige hohe Ministerialbeamte Algeriens, der neben den fundamentalistischen Mörderbanden stets auch das korrupte Militärsystem seines Landes anprangerte und deshalb vor fünf Jahren seinen Posten verlor, ist kein Mann übertriebener Rücksichten. Was er zu sagen hat über die Egomanie eines Staats, der alles nur durch die dramatische Brille seines eigenen Unabhängigkeitskampfs sieht und Ereignisse wie den Holocaust als zweitrangig, wenn nicht gar als zionistische Legende abtut, äußert er offen, teilweise auch massiv.
Mit der forcierten Parallelsetzung zur NS-Vergangenheit habe er ein Mittel gefunden, sein Thema der islamistischen Bedrohung neu in die Schlagzeilen zu bringen, halten Kritiker ihm vor. Fälle wie den seiner Romanfigur habe es in Algerien mehrere gegeben, rechtfertigt sich dagegen der Autor. Mit ihrer heroisierend selbstgerechten Realitätsblindheit hätten Länder wie das seine nach der Unabhängigkeit von Anfang an ihre Geschichte belastet. Uneingestandene Komplizenschaften seien der Geburtsmakel eines sonst verdienstreichen Freiheitskampfs. Die algerischen Behörden streichen im Roman dem Unabhängigkeitshelden und SS-Mann Hassan Hans diskret den für ihn gefährlich gewordenen Familiennamen Schiller aus den Registern. "Befehl ist Befehl!", hatte der Vater im algerischen Dorf den Söhnen eingebleut, bevor sie zum Onkel nach Paris geschickt wurden. "Wir taten unsere Pflicht", sagt der deutsche Rentner auf der Parkbank in Uelzen dem in der Geburtsstadt seines Vaters nach Lebensspuren suchenden Rachel. Dann sagt der Rentner nichts mehr, nur noch, beim Aufstehen, den Satz: "Vergiss nicht, dein Vater war Soldat."
Es handelt sich bei Sansals Werk nicht um einen dokumentarischen Roman. Nur der Ausgangspunkt ist historisch wahr. Auf Dienstreise vor vielen Jahren durch die Gegend von Sétif, erzählt Sansal, sei er einmal durch ein Dorf wie aus einem Bilderbuch gekommen. Das sei das Dorf des Deutschen, hätten Freunde ihm erklärt: ein ehemaliger SS-Offizier, der vom ägyptischen Präsidenten Nasser als militärischer Berater in den algerischen Maquis geschickt wurde und seit der Unabhängigkeit weit über sein Dorf hinaus ein angesehener Mann sei. Zur Recherche kam Sansal dann nicht mehr, doch blieb ihm die Sache im Kopf. Deren Verarbeitung zum Roman ergab nun eine neue Variante der deutschen Väter-Söhne-Literatur aus den Jahren der Nazigeneration - nur, dass der Vater hier nicht ein biederer Durchschnittsdeutscher geworden ist, sondern ein Abenteurer bleibt und letztlich selbst Opfer des Fanatismus wird.
"Das Dorf des Deutschen" ist nicht Sansals bestes, aber zweifellos ein wichtiges Buch. In seinem Land herrsche heute ein "National-Islamismus", eine Mischung aus nationalistischer Rhetorik, Ressentiment, Persönlichkeitskult und permanenter Einschüchterung, mit der Fundamentalisten und das autoritäre Regime sich gegenseitig hochschaukelten, sagt der Autor. Gleichzeitig befürchtet er das, was der Politiker Said Saadi vom Rassemblement pour la Culture et la Démocratie eine "Irakisierung" Algeriens nennt: ein um sich greifendes Chaos, das das Land zum regionalen Umschlagplatz für Mafiosi und Terroristen macht: "Al Qaida hat schon eine algerische Filiale eröffnet."
Die ersten französischen Kritikerstimmen - in Algerien ist das Buch nicht erhältlich - würdigen die literarische Qualität des Werks und äußern manche Bedenken gegen zu schnelle Vergleiche zwischen den Hasspredigten des Imam im Wohnblock Nr. 17 der Pariser Vorstadt, denen der junge Malrich zunächst manchmal beiwohnt, und der Realität des Hitlersystems. Der Glaubwürdigkeit des Romans, in dem Primo Levis Gedicht "Ist das ein Mensch?" zitiert wird, sind so schroffe Vergleiche wenig förderlich. Interessanter ist eine Demarkationslinie, die sich aus Leserreaktionen auf Internetblogs ergibt. Algerien und der Islam würden die Wahnvorstellungen von Leuten wie Sansal überleben, schreiben manche zornig. Endlich wage einer, die Wahrheit zu sagen und das verborgene Gesicht des "arabischen" Staatsmythos Algerien zu zeigen, schreiben andere, die durchweg als Berber, manchmal als "Widerstandskämpfer" für die Tamazight-Kultur unterzeichnen. Er habe nur ein normales Leben führen wollen und stehe nun auf dem Schafott, schreibt Rachel im Roman, bevor er sich umbringt: ein Schafott, das nicht für ihn aufgebaut wurde. Er will für seinen Vater bezahlen, der selbst ums Leben kam. Für die historische Verstrickung der Romanhandlung zwischen Algerien, Frankreich und Deutschland wird in diesem Buch doppelt bezahlt.
JOSEPH HANIMANN