http://www.faz.net/-gr3-wipu

: Auch Scheich Hans war bei der SS

  • Aktualisiert am

PARIS, 23. JanuarWarum steht auf dem Grabstein "Hassan Hans, genannt Si Mourad" und nicht einfach: Hans Schiller? Diese Frage führt den jungen Franzosen Rachel in seinem entlegenen algerischen Herkunftsdorf zu bestürzenden Entdeckungen, die sein Leben aus der Bahn werfen. Schon beim algerischen ...

          PARIS, 23. Januar

          Warum steht auf dem Grabstein "Hassan Hans, genannt Si Mourad" und nicht einfach: Hans Schiller? Diese Frage führt den jungen Franzosen Rachel in seinem entlegenen algerischen Herkunftsdorf zu bestürzenden Entdeckungen, die sein Leben aus der Bahn werfen. Schon beim algerischen Konsulat in Paris war er stutzig geworden, wo er, nachdem er in den Fernsehnachrichten vom Überfall fundamentalistischer Mörderbanden auf das Dorf seiner Eltern gehört hatte, ein Einreisevisum nach Algerien beantragte. "Aïcha und Hans Schiller?", fragte der Beamte - da könne er den Antragsteller beruhigen: Die seien nicht auf seiner Liste, er habe nur eine Aïcha Majdali und einen Hassan Hans. "Das sind sie, meine Eltern." - "Herzliches Beileid."

          Der neue Roman des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal, der in Frankreich unter dem Titel "Le village de l'Allemand - ou le journal des frères Schiller" (Das Dorf des Deutschen oder Das Tagebuch der Brüder Schiller) bei Gallimard gerade erschienen ist, reißt einen Abgrund auf und zeigt zugleich, wie weit die Literatur aus dem arabisch-islamischen Kulturraum den dortigen Wortführern und unseren westlichen Zerrbildern davon voraus ist. Als dritte bedeutsame Romannovität Frankreichs zum Thema Nationalsozialismus führt er, nach Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" und Philippe Claudels "Rapport de Brodeck", auch vor, mit welcher Intensität die Auseinandersetzung mit dem Thema weiterhin stattfindet. Der auf Französisch schreibende Sansal schlägt in seinem Roman einen Bogen zwischen Islamismus und Nationalsozialismus, der in den ersten Reaktionen in Frankreich sowohl helle Empörung wie spontane Zustimmung hervorruft.

          Zwei bei einem Onkel in der Pariser Vorstadt aufgewachsene Brüder algerischer Herkunft entdecken in Sansals Roman nach dem Tod ihrer Eltern, dass ihr Vater - ein Deutscher, der sich im algerischen Unabhängigkeitskrieg verdient gemacht hatte, dann als Hassan Hans Schiller die schöne Tochter des Dorfscheichs heiratete und nach dessen Tod selbst zum weithin angesehenen Scheich wurde - früher als Mitglied der Waffen-SS in Buchenwald, Dachau, Lublin-Majdanek tätig war. Geschildert wird diese Entdeckung über die ineinander verwobenen Tagebücher der beiden Brüder. Rachel ist der ältere, ein erfolgreicher Kaderangestellter, der für einen großen Konzern arbeitet. Er notiert die Ergebnisse seiner Erkundungen nach dem Tod des Vaters 1994 in seinem Tagebuch, das nach seinem Selbstmord zwei Jahre später seinem viel jüngeren Bruder Malrich in die Hände fällt. Dieser führt mit seinen untätig in der Pariser Vorstadt herumhängenden Kumpeln das Randdasein eines kleinen Dealers und reagiert auf die Hinterlassenschaft seines Bruders seinerseits mit Tagebuchschreiben, in unbeholfenem Stil und zunächst völlig unbeleckt von Geschichtskenntnissen.

          Der in Algerien lebende Boualem Sansal hat in seinen bisherigen Büchern - "Der Schwur der Barbaren", "Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum", "Erzähl mir vom Paradies", "Harraga", die in deutscher Übersetzung im Merlin Verlag erschienen sind - die blutigen Terrorjahre seines Landes spannungsvoll und sprachlich überwältigend dargestellt. Dieser ehemalige hohe Ministerialbeamte Algeriens, der neben den fundamentalistischen Mörderbanden stets auch das korrupte Militärsystem seines Landes anprangerte und deshalb vor fünf Jahren seinen Posten verlor, ist kein Mann übertriebener Rücksichten. Was er zu sagen hat über die Egomanie eines Staats, der alles nur durch die dramatische Brille seines eigenen Unabhängigkeitskampfs sieht und Ereignisse wie den Holocaust als zweitrangig, wenn nicht gar als zionistische Legende abtut, äußert er offen, teilweise auch massiv.

          Weitere Themen

          Comic sucht Verleger Video-Seite öffnen

          Buchmesse 2017 : Comic sucht Verleger

          Frankreich - die Grande Nation des Comic zu Gast: Warum in Frankreich viel mehr Comics gelesen werden, wie Comics das Kino erobern und warum eine gute Bildergeschichte in Deutschland noch keinen Verleger hat.

          Topmeldungen

          Interview mit FDP-Chef : „Alles, bloß kein CDU-Finanzminister“

          FDP-Chef Christian Lindner will verhindern, dass Kanzlerin Merkel im Finanzressort weiter durchregiert. Und er warnt sie im Gespräch mit der F.A.Z., während der Koalitionsgespräche in Brüssel neue Tatsachen zu schaffen.

          TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der Wunderknabe aus Österreich

          Sebastian Kurz ist der neue Hoffnungsträger der europäischen Konservativen. Bei „Hart aber fair“ zeigt sich, dass Kurz vor allem von Politikern profitiert, die sich für die Probleme der Menschen als unzuständig erklären.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.