18.02.2011 · Von einer wunderbaren Kindheit im Nordatlantik: Der dänische Schriftsteller Arthur Krasilnikoff begegnete nach Kriegsende einem Wal und erzählt, wie dieses Erlebnis seine Wahrnehmung der Welt für immer veränderte.
Von Peter Urban-HalleArthur Krasilnikoff, 1941 in Ringsted geboren (sein Urgroßvater kam im neunzehnten Jahrhundert aus Petersburg nach Dänemark), war ursprünglich Filmregisseur - wie einige andere dänische Autoren. 2002 erschien bei uns sein Roman „Die Geierkrieger“ über die Wüste Kalahari, Krasilnikoff hat sie einmal als seine „dritte Heimat“ bezeichnet. „Das Auge des Wals“ nun erinnert an seine erste Heimat, die Färöer, wo er als Kind gut vier Jahre mit seinen Eltern lebte, prägende Jahre für ihn: Hier lernte er das Sehen. Und das Erfinden.
Der kleine Astur - wie Arthur auf den Färöern genannt wird - ist vier, als er nach Torshavn kommt, sein Vater soll da als Apotheker arbeiten, es ist 1945, der Krieg eben zu Ende. Hier entdeckt der Junge eine „wunderbare neue Welt“, die vor allem in seiner ungezügelten Phantasie existiert. Sie wird vielleicht von diesem Wal geweckt, der Astur gleich am Anfang begegnet und ihn anguckt, aufmunternd, aber auch fesselnd im wahrsten Sinne: „Dieses Auge trägt er mit sich für den Rest seiner Tage.“
Wenn der Regen an die Scheibe prasselt
Zunächst sieht das Auge nichts weiter als die „Illusion Realität“, so nennt es Aragon in seiner „Rede der Phantasie“. Doch ist bei Krasilnikoff das sehende Auge nicht schlichte Kamera, sondern das Tor zu einem Geist, der dann die Bilder verwandelt und lebendig macht. Selbst die Schule kann ihm diese Entdeckung der Phantasie nicht austreiben.
Die Färöer sind karge, kahle Inseln. Dem setzt der Kleine, wohin sein Blick auch fällt, Gestalten, Figuren, Gesichter entgegen. Dabei weiß Astur, dass seine „wunderbare neue Welt“ nur im Kopf ist - aber das reicht, um poetisch zu sein und hinreißende Kapitelüberschriften wie „Die Ente bekommt einen Schwan“ oder „Sieben Gänse und ein Zeterweib“ zu kreieren. Wenn der Regen an die Scheibe prasselt, sieht Astur darin die Pfeile einander bekämpfender Heere. Die Dörrfische, die zum Trocknen aushängen, gleichen japanischen No-Masken.
Zauberhaft und klug
Im Grunde existieren die Dinge erst durch den Blick des Jungen. Ja, er sieht die Poesie in den Dingen - wie ein Romantiker. Und er verarbeitet den verwirrenden Reiz des weiblichen Geschlechts dann wieder wie ein Surrealist: Die Worte einer Nachbarin „sprangen wie atmende Tierchen über sein Gesicht“. Der Wind zeigt Gefühle, die Dinge bekommen ein aufregendes Leben. Was bei Krasilnikoff eine Holzkiste durchmacht - von ihrer stolzen Bestimmung am Anfang bis zu ihrem schmählichen Tod -, das lasen wir sonst nur bei Andersen.
Ein zauberhaftes, kluges und witziges Buch und überdies die letzte Arbeit der großartigen Übersetzerin Gisela Perlet, die Ende vergangenen Jahres gestorben ist. In Krasilnikoffs „Geierkriegern“ stand: „Wir verändern die Welt, indem wir von ihr erzählen.“ Hier erkennen wir: Wir verändern die Welt, indem wir sie sehen.