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Arno Schmidt: Zettel's Traum : Die Welt ist groß genug, dass wir alle darin Unrecht haben können

Bild: Verlag

Editorische Meisterleistung: Seit vierzig Jahren wird „Zettel's Traum“ als Faksimile verlegt, mit allen Korrekturen und Ergänzungen. Jetzt erscheint Arno Schmidts Hauptwerk als richtiges Buch.

          Gründe dafür, Arno Schmidts Riesenroman „Zettels Traum“ nicht zu lesen, gibt es genug: Die komplette Lektüre ist eine Arbeit von Wochen, wenn nicht von Monaten. Für den Preis noch der günstigsten Ausgabe wären sämtliche Finalisten des Deutschen Buchpreises zu haben. Ferner: Ist über den 1970 erschienenen Roman nicht längst die Zeit hinweggegangen? Und muss einer eigentlich so schreiben, dass jedes Rechtschreibprüfprogramm den Text in ein einziges Rot tauchen würde: „nur 2 abstracte Genossn hat er noch, ,Place Time‘ – (: ? – : nu ,play cloac‘!)“?

          Wer so fragt, befindet sich im empirisch ermittelten Modell der individuellen Arno-Schmidt-Leserschaft in Phase 1, vielleicht auch schon in Phase 3: Die erste gehört der vorsichtigen Annäherung an den Autor, vorzugsweise vom Leichten zum Schweren. Man fängt also etwa mit Schmidts Zeitungsarbeiten oder den kleinen Erzählungen an, vielleicht auch mit den frühen Romanen „Leviathan“ oder „Brands Heide“ und begeistert sich an einer Sprache, die auf exakte Weltabbildung zielt, aber erfreulicherweise nie die nächste Pointe aus den Augen lässt. Es folgt Phase 2, die von Anhängerschaft gezeichnet ist und zu einer wachsenden Vertrautheit mit jedem Satz führt, den Arno Schmidt je veröffentlicht hat. Das allerdings ebnet den Weg in Phase 3, den Überdruss: Die „wiederholungsfreie Fülle“ der sprachlichen Äußerung, die einer seiner Helden für sich in Anspruch nimmt, gilt für den Autor ganz sicher nicht, manche seiner Witze riechen mittlerweile ranzig, das ewige Backenaufblasen seiner Erzähler ermüdet – und dann erst die unangenehmen Besserwisser unter den Schmidt-Lesern aus Phase 2!

          Kodderschnauze und weiches Herz

          Für viele war es das dann mit Arno Schmidt. Glücklich, wer trotzdem die vierte Phase erreicht, die des entspannten, amüsierten Wiederlesens. „Die Welt ist groß genug, dass wir alle darin Unrecht haben können“, schreibt Schmidt einmal irgendwo. Und wer wollte ihm da widersprechen?

          Wer so denkt, ist reif für „Zettels Traum“, Arno Schmidts erklärtes Opus Magnum in acht Büchern, das im Frühjahr 1970 erschien und insgesamt etwa ein Viertel des Gesamtwerks Schmidts bildet. Die äußere Handlung umfasst vierundzwanzig Sommerstunden und ist so schlicht wie die innere kompliziert. Der eremitenhaft im südlichen Niedersachsen lebende Ex-Schriftsteller und Privatgelehrte Daniel („Dän“) Pagenstecher bekommt Besuch von dem befreundeten Übersetzerpaar Paul und Wilma Jacobi sowie deren sechzehnjähriger Tochter Franziska. Man spricht über Edgar Allan Poe, dessen Werke Paul und Wilma gerade ins Deutsche übertragen. Daniel versucht, ihnen seine „Etym“-Theorie näherzubringen, der zufolge sich im Klang und in der Schreibweise von Worten ein verborgener Sinn manifestiere. Während zwischen ihm und Franziska eine besondere Vertrautheit besteht und Paul vor seiner dominanten Gattin Trost im Alkohol sucht, lässt Wilma keine Gelegenheit aus, Franziska herunterzuputzen. Daniel erfährt schließlich, dass Franziska die Schule verlassen soll, um eine Lehre als Schuhverkäuferin zu beginnen. Einige Spaziergänge und Gespräche später erklärt Daniel sich bereit, Franziskas Ausbildung zu finanzieren, unter der Bedingung, dass sie ihn niemals mehr besuchen wird. Schließlich drückt er sich vor dem Abschied im Morgengrauen des nächsten Tages, beobachtet aber den Aufbruch der Jaobis genau, unter heftigen Selbstanklagen: „,Hau ab Kerl ! : in Deine WahnWeltn !‘ Oder: ‚Hock doch ein in Dein verwünschtes FrazznHaus, Spinner ! : MondscheinMensch !‘ Auch: ‚Geh lieber ma zum Arzt, armis Schwein ! Am bestn gleich zu Mehreren.‘“

          Solche Stellen machen „Zettels Traum“ zum Solitär – Passagen, die Kodderschnauze und weiches Herz des Erzählers gleichermaßen abbilden und auch in ihrer Orthographie ein Element von Sprunghaftigkeit offenbaren, das als Dauerreibefläche den Leser vor jeder flüchtigen Rezeption bewahrt. Einlesen aber wird man sich müssen, und das nicht zu knapp, auch wenn sich der Diskurs unter den Romanfiguren mitunter als überraschend schlicht offenbart.

          Unser liebes=kleines=vertrauliches Haus!

          Bislang ist das Buch, dessen Text über drei jeweils eigenen Erzählebenen gewidmeten Spalten mäandert, so publiziert worden, wie es die Schreibmaschine des Autors verlassen hat: Schmidt hielt sein Typoskript für nicht adäquat zu setzen, und so entspricht die seither in verschiedenen Ausgaben und insgesamt etwa 20 000 Exemplaren verbreitete Fassung einem Faksimile, das sämtliche Ausstreichungen und oft mit winzigem Bleistift notierte Verbesserungen des Autors getreu bewahrt. Ein work in progress also, was zum einen die Lesbarkeit minderte, zum anderen aber natürlich zur Aura des geheimnisvollen, alle Kategorien sprengenden Buches beitrug.

          Muss das so sein? Offensichtlich nicht, denn die drei Romane, die „Zettels Traum“ noch folgten, bis Schmidt 1979 gestorben ist, wurden in den vergangenen Jahrzehnten durch den Typographen Friedrich Forssman erstmals gesetzt und damit einer Behandlung unterzogen, wie sie jetzt auch dem Großroman zuteil geworden ist. Schon am Beispiel von „Die Schule der Atheisten“, „Abend mit Goldrand“ und „Julia“ also zeigte sich, dass die Typoskriptgestalt der späten Romane eben nicht schicksalhaft vorgegeben, sondern aus der damaligen Not geboren war.

          Allerdings ist „Zettels Traum“ schon aufgrund des schieren Umfangs ein anderes Kaliber – erst jetzt, vierzig Jahre nach dem Erstdruck des Faksimiles, liegt es als gesetztes Buch vor. In einem „Editorischen Nachbericht“ listet die Herausgeberin Susanne Fischer getreulich auf, wo sie in das Typoskript eingegriffen hat, um etwaige Tippfehler Schmidts zu korrigieren. Bleistiftanmerkungen wurden in den Text überführt, Streichungen als Streichungen behandelt und nunmehr unsichtbar gemacht, eingeklebte Bilder und Zeichnungen neuerlich an die vorgesehene Stelle gebracht. All dies ist tadellos und dient dem Leser mit diskreter Effizienz. Und an der einen Stelle, wo man einen riesigen schwarzen Block im Text nicht missen möchte, dort nämlich, wo Daniel Pagenstecher einen Herzinfarkt erleidet und dem Tod unmittelbar ins Auge blickt (Seite 752 der alten Fassung und Seite 793 der neuen), dort also findet sich auch in der gesetzten Ausgabe ein schwarzer Kasten als memento mori. Das ist weder eigenmächtig noch inkonsequent: Anders als bei allen übrigen Schwärzungen ist hier hinter der Farbe kein eliminierter Text verborgen – das dunkle Rechteck steht also offenbar im Text, weil es genau dort stehen soll. Und markiert so eine der unheimlichsten Stellen des gesamten Romans.

          Stolpersteine gibt es also genug in „Zettels Traum“, im Typoskript wie in der gesetzten Ausgabe. Das betrifft nicht zuletzt die Liebesgeschichte zwischen Daniel Pagenstecher und der ihn anhimmelnden Franziska, die man rührend oder albern finden mag, manchmal beides zugleich. Und man wird dort, durch frühere Schmidt-Lektüre zur Wachsamkeit erzogen, nach einem Verweissystem auf andere Texte suchen. „,WirsDu verschwiegn sein?‘ / ,Wie ein Fischchin!‘ (rief Sie begeistert) : ,Such Du schon immer aus – : Was De Mir dann, abmds, im Winter, vorliest : ach, Unser liebes=kleines=vertrauliches Haus!‘“ Meint der Autor, meint Franziska das so? Ist das ein albernes Zitat aus einem Rührstück um 1800 (Schmidt kannte sich da bestens aus)? Legt Schmidt das Franziska in den Mund, oder zitiert das Mädchen da etwas, das sich auch Daniel sofort als Zitat erschließt, womöglich aufgrund gemeinsamer Lektüre? Oder geht man mit derlei dem Autor nur umso gehöriger auf den Leim? „Satan dociert aus Dir“, sagt Wilma einmal zu Daniel, und selten war man so auf ihrer Seite wie hier.

          „Mit diesem Band ist die Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts abgeschlossen“, heißt es im Prospekt, der jetzt „Zettels Traum“ ankündigt – was für ein bescheidener, was für ein stolzer Satz. Grund genug, eine fünfundzwanzigjährige philologische Arbeit zu würdigen, die mit dieser editorischen und typographischen Meisterleistung einen fulminanten Schlusspunkt setzt.

          Arno Schmidt: „Zettel's Traum“. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 1513 S., br., 198 €.

          Quelle: F.A.Z.

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