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Arno Schmidt: „Und nun auf, zum Postauto!“ - Briefe : Nehmt mein Buch als Marschgepäck

Bild: Suhrkamp

Zum hundertsten Geburtstag von Arno Schmidt erscheint ein Auswahlband seiner Briefe: Zu entdecken darin ist das Programm einer selbstgewählten Isolation mit Ausnahmen und ein großer gnadenloser Humorist.

          An Selbstbewusstsein gebrach es ihm nicht, auch nicht an Distinktionsmerkmalen: „Ich spüre förmlich, wie ich zum ,Klassiker‘ werde. (Naja; es ist letzten Endes ’ne Fleißfrage; die meisten meiner Kollegen sind natürlich stinkfaul; und ich bin eben ein ,Wühler‘.)“ Der da schreibt, ist Arno Schmidt, dessen Geburtstag sich zum hundertsten Mal jährt. Als er sich auf dem Weg zum Klassiker sieht, ist er 47 Jahre alt; und er sollte recht behalten. Kurz zuvor ist sein Roman „Kaff auch Mare Crisium“ erschienen, das erste seiner Prosaexperimente mit satztechnisch parallel geführten Erzählebenen, und bald soll er die Arbeit an „Zettel’s Traum“ beginnen, dem Buch, das ihn 1970 berühmt machen wird: mehr als 1300 Seiten im A3-Format, fotomechanisch nach den Manuskriptblättern reproduziert und in drei Spalten gegliedert, die jeweils eine andere Erzählebene bieten. Ach ja, und runde zehn Kilo wiegt das Buch, ein Faktum, dass Schmidt schon vor dem Abschluss der Arbeit daran am meisten amüsiert, „wird mein Büchlein doch ... 25 Pfund wiegen: wir haben vor, es mit Trageriemen binden zu lassen, und den größten Teil der Auflage unserer Bundeswehr, für Gepäckmärsche, zu offerieren“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das schrieb er Hans Wollschläger, dem um mehr als zwanzig Jahre jüngeren Kollegen, zu dem er in einem Lehrerverhältnis stand und den er immer ausdrücklich vom Vorwurf der Schriftstellerfaulheit ausnahm. Doch derart abfällig wie im eingangs zitierten Brief urteilte er dann doch nicht oft, und es ist bezeichnend, dass diese harsche Formulierung in einem Brief an die Mutter steht, die in Quedlinburg lebte. Ihr gegenüber fühlte Schmidt einen besonderen Rechtfertigungsgrund, auch deshalb, weil er sie seit 1938, als sie dorthin umgezogen war, nicht mehr besucht hat. Bis 1961, als die Mauer das Reisen aus dem Westen in die DDR zunächst fast unmöglich machte, wäre das einfach zu absolvieren gewesen, und in der Tat war Schmidt mit seiner Frau Alice 1954 auch für einige Tage zu deren in Ost-Berlin lebender Familie gefahren. Doch die eigenen Angehörigen hielt er auf Distanz; der Vater war schon gestorben, als sein Sohn noch ein Kind war, und die ältere Schwester war mit ihrem jüdischen Ehemann 1939 in die Vereinigten Staaten entkommen. Auch zu ihr bestand zeitlebens nur noch Briefkontakt.

          Blick auf das ganze Leben

          Deshalb warten die zahlreichen Arno-Schmidt-Leser, die mit diesem bewusst abgeschieden lebenden Autor in der Regel ein Verhältnis verbindet, das mit Anhänglichkeit nur unzureichend beschrieben ist, seit Jahren begierig auf die Publikation der Familienkorrespondenz. Die im niedersächsischen Dorf Bargfeld (dem Wohnort Schmidts von 1958 bis zum Tod 1979) angesiedelte Arno-Schmidt-Stiftung hatte 1985 gleichzeitig mit dem Start der großen und erst vor vier Jahren durch die Neu-Edition von „Zettel’s Traum“ abgeschlossenen Werkausgabe auch eine Reihe von Briefbänden begonnen, deren erster Band der Korrespondenz mit Alfred Andersch gewidmet war. Es folgten bis 2007 drei weitere Briefwechsel: mit den beiden engen Freunden Wilhelm Michels, einem Lehrer, und dem Maler Eberhard Schlotter sowie mit Kollegen. Doch diesen bislang vier erschienenen Bänden steht dieselbe Zahl an ehedem angekündigten, aber noch nicht publizierten gegenüber. Sie sollten die Korrespondenz mit Wollschläger enthalten, Briefwechsel mit der Familie, mit Archiven, Zeitschriften und Verlagen sowie mit Lesern.

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