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1 Buch, 1 Satz : Keine Hoffnung ohne Horror

Bild: FAZ.NET

Arno Geigers meisterlicher Roman „Unter der Drachenwand“ führt ins Weltkriegsjahr 1944 und zeigt das erschreckende Nebeneinander vom Untergang der Gesellschaft und dem Beharrungswillen des Einzelnen.

          Wollte man eine Summa der Handlung von Arno Geigers morgen erscheinendem neuen Roman gezogen sehen, so böte sich dafür eine Passage nach drei Vierteln des Buches an: „Bald ein ganzes Jahr trieb ich mich in Mondsee herum, indessen der Krieg kein Ende nahm. Der Jahrestag meiner Verwundung war verstrichen, und ich wunderte mich selbst, dass es mir gelungen war, mir den Krieg so lange vom Leib zu halten. Als ich Ende November aus Wien eine Beorderung bekam, durfte ich mich nicht beklagen, jedenfalls nicht laut, denn in Wahrheit war es mir bisher vergönnt gewesen, einen unauffälligen Mittelweg zu gehen, der lag, sagen wir, zwischen dem allergrößten Glück mancher und dem härtesten Schicksal vieler.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Was ist das für eine Sprache? Einerseits eine formelle („Beorderung“), andererseits eine altertümliche („indessen“), schließlich zweifellos eine elaborierte. Es ist die Erzählerstimme eines jungen Mannes namens Veit Kolbe aus „Unter der Drachenwand“, einem Roman, dem schon im Titel die Bedrohung eingeschrieben ist, der sich Kolbe ausgesetzt sieht. Diese Drachenwand ist ein tatsächlich existierender Fels im österreichischen Salzkammergut – das unterscheidet Geigers Buch von dem in ähnlich isolierter Umgebung angesiedelten und auch ähnlich intensiv erzählten Roman „Ein ganzes Leben“ seines Landsmannes Robert Seethaler, der jedoch bei allen Anklängen an reale Ereignisse bewusst einen fiktiven alpinen Handlungsort zwischen Bergen mit so lebensfeindlich klingenden Namen wie Karleitner, Klufterspitze und Häuslerkamm gewählt hatte.

          Zuflucht vor den Schrecken des Weltkrieges

          Aber auch die Drachenwand erfüllt vor allem einen metaphorischen Zweck: Ihre Gegenwart wird von Geigers Erzähler über die fast fünfhundert Seiten hinweg immer wieder heraufbeschworen („die Drachenwand macht im Süden eine breite Brust“, „die albtraumhaft hingestellte Drachenwand“, „die Drachenwand zeichnete sich deutlich ab“, und gleich zweimal ist vom „mächtigen Felsenschädel der Drachenwand“ die Rede), doch in diese Wand selbst führt nur eine einzige, dann allerdings auch tödliche Szene. Ansonsten dräut der Fels über der kleinen Ortschaft Mondsee. Doch irgendwie beschützt er sie auch.

          Arno Geiger: „Unter der Drachenwand“. Roman. Hanser Verlag, München 2018. 480 S., geb., 26 Euro.

          Er beschützt sie vor Krieg und Kriegsgeschrei. Geigers Buch deckt das Jahr 1944 ab. Zu dessen Beginn kehrt der aus Wien stammende Veit Kolbe von der Ostfront zurück, eher leicht- als schwerverwundet, und kommt dank privater Beziehungen zur Rekonvaleszenz nach Mondsee. Dort findet er, wie man schon dem Eingangszitat entnehmen kann, eine vergleichsweise friedliche Welt vor, die neben ihm noch zahlreichen anderen Gästen Zuflucht vor den Schrecken des Weltkriegs beschert hat: aufs Land evakuierten Schülerinnen aus Wien, deren Betreuerinnen, einer jungen Mutter aus Darmstadt und dem „Brasilianer“, einem gegen seinen Willen aus Südamerika zurückgekehrten Einheimischen aus Mondsee, der mit der NS-Ideologie gar nichts anfangen kann. Doch so abgeschieden er in dieser Ecke des Großdeutschen Reichs auch lebt, kommt der „Brasilianer“ mit dieser Haltung nicht einfach durch.

          Marotte oder subtile Hommage?

          Für Veit Kolbe, der ebenfalls keine Illusionen mehr über Methoden und Erfolgsaussichten der deutschen Kriegsführung hat, ist es leichter: Er schweigt, um nicht aufzufallen, schaut aber umso genauer hin. Da es meist seine Perspektive ist, aus der Geiger erzählt, wird darüber eine literarische Reminiszenz akut, die man bislang mit diesem Autor kaum verbunden hätte: Arno Schmidt. Die Erzählhaltung von dessen 1949 erschienenem Debüt, der in der Endphase des Kriegs spielenden Flüchtlingsgeschichte „Leviathan“, erscheint wie eine Blaupause für Geigers Hauptfigur in deren Verschlossenheit und zugleich sezierendem Blick auf den sie umgebenden Mikrokosmos aus Verblendeten und Verzweifelnden. Auch die Flucht aus dem Kriegsalltag, der durch überfliegende Bomberflotten in Mondsee ebenso präsent ist wie auf Schmidts immer wieder stockender Zugfahrt, in die Liebe verbindet beide Bücher. Und wenn es Geiger als 1968 geborenem Autor derart grandios gelingt, das beklemmende Nebeneinander von Untergang der Gesellschaft und Beharrungswillen des Individuums zu beschreiben, dass man sich an den Kriegszeitzeugen Arno Schmidt erinnert fühlt, dann zeigt das einmal mehr, über was für ein literarisches Vermögen dieser Schriftsteller verfügt.

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