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Armin Senser: Shakespeare : Die Banalität des Barden

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Bild: Hanser Verlag

Wer war William Shakespeare? Ein Versroman des Schweizers Armin Senser zeigt den Meister als unstete Persönlichkeit, hin- und hergerissen zwischen den Verlockungen Londons und dem Familienglück in der Provinz.

          In drei Jahren werden wir den 450. Geburtstag von William Shakespeare feierlich begehen. Aber wen genau wir feiern sollten, bleibt für viele irritierend unklar. So vollständig scheint dieser Bühnenweltenzauberer in seinen Geschöpfen aufzugehen, so wenig im gewaltigen Werk jemals von sich preiszugeben, dass wir dauernd darauf angewiesen bleiben, hinter den Masken, die er schafft, das Eigentliche ihres Schöpfers mutmaßen zu müssen - ein ebenso reizvolles wie müßiges Spiel.

          Dass wir kaum Zeugnisse von Shakespeares Leben hätten, ist ein oft kolportierter, aber falscher Eindruck. Das Gegenteil trifft zu. Nur sind alle Dokumente über den biederen Besitzbürger aus der mittelenglischen Provinz, der sich in diverse Rechtsstreite verwickelte, so weit von dem entfernt, wie wir uns am liebsten einen großen Dichter vorstellen, dass die historische Überlieferung enttäuscht. Für Grundstücksangelegenheiten braucht es kein Genie. Es ist die Banalität des Barden, die das Problem aller Shakespeare-Biographik bildet.

          Ein Leben lang um Hirngespinste gekümmert

          Abhilfe bietet seit je die Fiktion, und dies nicht erst, seit die Verschwörungstheorien um angebliche Autorschaften Konjunktur haben. Schon das siebzehnte Jahrhundert erfand vielerlei Geschichten, die sich seither um Shakespeare ranken. Erst recht aber mit der Romantik, wie in Ludwig Tiecks Novellen „Dichterleben“ (1825), wird eine vorgestellte Künstlerfigur namens Shakespeare gern genutzt, um Grundsatzfragen nach dem Ort und Ziel der Kunst an seinem Beispiel zu verhandeln. Vieles davon, das oft ins Idyllische entgleitet, ist längst zu Recht vergessen. Anderes, wie Anthony Burgess’ amüsanter Roman „Nothing like the Sun“, der 1964 zum 400. Geburtstag erschien und von Shakespeares Liebesleben handelt, hat längst einen eigenen Wert und Ort in der Tradition von Künstlerliteratur gefunden, die William Shakespeare als erfundener Figur beziehungsreich zu neuem Lebensglück verhilft.

          Jetzt macht sich der Schweizer Lyriker Armin Senser, Jahrgang 1964 und bislang durch drei preisgekrönte Gedichtbände hervorgetreten, an die Fortsetzung dieses Spiels. Sein Shakespeare ist ein Mann, der zum Ende eines bewegten Lebens an einem verregneten Novembertag im Gespräch mit der erwachsenen Tochter Rückschau hält und selbstkritisch mit sich ins Gericht geht: „Ich habe mich mehr um meine Hirngespinste / gekümmert als um wirkliche Menschen.“ Nun wünscht er sich, er könne noch mal neu beginnen. Stattdessen bleibt ihm nur, die Rechenschaft über eigene Verfehlungen zur Warnung aller anderen zu nutzen, denen er nach eigener Aussage sein Lebtag etwas vorgemacht hat und die doch wissen sollten, dass auf diese Art die Wahrheit nicht zu haben ist: „Was / ist wahr? Wenn uns die Worte fehlen, um unseren Gefühlen / gerecht zu werden. Wenn wir den Worten überlassen, was / keine braucht. Was ist dann wahr?“

          Der Ehebruch war alltäglich

          Letzte Dinge, große Fragen also, stehen hier zur Diskussion. Senser wählt dazu, und dies ist rundweg zu begrüßen, die wunderbare Form des Versromans, die viel zu selten genutzt wird, dabei liegen ihre Vorteile doch auf der Hand: Vom Roman nimmt sie sich die Lizenz zum Auserzählen einer bunten Welt samt ihren Protagonisten, von der Versdichtung die Möglichkeiten zur Verknappung und Verfremdung des Erzählten, auch jenseits realistischer Vorgaben.

          Davon macht Sensers Fassung nur sparsamen Gebrauch. Ihre Verse, zumeist fünfzehn- bis zwanzigsilbige reimlos rhythmisierte Langzeilen, locker zu Strophen gefügt, zielen ganz auf Empathie, auf Einfühlung in Shakespeares Innenleben und psychologische Durchdringung einer unsteten Persönlichkeit, hin- und hergerissen zwischen den Verlockungen der Londoner Bordell-, Theater- oder Kneipenwelt und dem bescheidenen Familienglück im Provinzstädtchen. Doppelkarrieren, so erfahren wir, waren schon damals problematisch, Ehebruch alltäglich und Kinderfürsorge prekär.

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