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: Arme Teufel in Topform

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Vorsicht, Erzählfalle! Der Journalist Harald Martenstein hat einen ebenso komischen wie tückischen Familienroman über die Nachkriegszeit geschrieben, in dem die Grenzen zwischen Lebenden und Toten verwischen.Von Richard Kämmerlings Ich jedenfalls bin diesem Buch auf den Leim gegangen. Vielleicht ...

          Vorsicht, Erzählfalle! Der Journalist Harald Martenstein hat einen ebenso komischen wie tückischen Familienroman über die Nachkriegszeit geschrieben, in dem die Grenzen zwischen Lebenden und Toten verwischen.

          Von Richard Kämmerlings Ich jedenfalls bin diesem Buch auf den Leim gegangen. Vielleicht weil ich die ersten Seiten zu unaufmerksam gelesen, nicht wirklich über die Figurenkonstellation, Geburtsdaten, Jahreszahlen nachgedacht hatte. Vielleicht auch einfach deswegen, weil die Gattungsbezeichnung "Roman" in der jüngeren deutschen Literatur so inflationär zur Bemäntelung des autobiographischen Gehalts verwendet wird, zur Verschleierung der Tatsache, dass eigentlich gar kein literarischer Stoff vorhanden ist jenseits der trivialen Tatsache, dass jeder, eben auch der Dichter, eine Kindheit, eine erste Liebe und irgendeine verkorkste Beziehung hinter sich hat. Und natürlich war auch der Autorenname schuld: Ein Familienroman von Harald Martenstein, dem Reporter und launigen "Zeit"-Kolumnisten? Wovon sollte der schon groß zu erzählen haben - außer von sich selbst?

          "Die Heimkehr meines Großvaters aus dem Krieg stand unter keinem guten Stern." Das Buch setzt ein mit einer Urszene der Nachkriegszeit: Die letzten Kriegsgefangenen kehren zurück - ihren Frauen und Kindern fremdgeworden, erkennen sie ihre von Bomben zerstörten Heimatstädte kaum wieder. Und diese unendlich oft erlebte und noch öfter erzählte Geschichte liefert Harald Martenstein in einem leichten, tragikomischen Plauderton, den man aus seinen journalistischen Texten kennt: "Von seiner Russlandreise hatte er außerdem zwei steife Finger, einen Lungendurchschuss und eine nicht genau zu bestimmende Zahl von Lungenstecksplittern mitgebracht, das heißt, er war geradezu in Topform, verglichen mit einigen anderen armen Teufeln in seinem Eisenbahnwaggon."

          Nach den ersten Seiten hält man das Buch für eine Art Wolfgang-Borchert-Travestie - "Draußen vor der Tür" als autobiographisch getönter Schelmenroman: Der Großvater (der sogar noch Wolfgang heißt) kehrt just in dem Moment nach Hause zurück, als seine Frau Katharina, vielbeschäftigte Animierdame und "Schönheitstänzerin", in ein blutiges Eifersuchtsdrama mit zwei französischen Besatzungssoldaten verwickelt ist und dabei um ein Haar getötet wird: "Hast du das Verbandszeug woanders hingepackt, das war doch im roten Schränkchen?", sind die ersten Worte, die Wolfgang nach sechs Jahren Abwesenheit an seine Frau richtet. Kein guter Stern, fürwahr.

          Doch Wolfgang ist zäh, er hat die Ostfront und Sibirien überstanden, und kämpft nun darum, die verlorene Liebe seiner lebenslustigen Frau zurückzuerobern; auch kämpft er um seinen Anteil am einsetzenden Wirtschaftswunder, als Geldbote bei einer Bank kommt er zu bescheidenem Wohlstand, während Katharina, nicht ohne das Risiko neuer erotischer Verwicklungen, in der florierenden Nachtbar ihrer Schwester Rosalie arbeitet. Martenstein zeichnet ein berührendes Doppelporträt zweier Menschen, die aus pragmatischen Gründen zusammenbleiben, obwohl oder vielleicht weil sie wissen, dass sie die beiden "wichtigsten Dinge, die in einem Leben passieren können", hinter sich haben, den Krieg und die Liebe nämlich. Das ist ein schöner Stoff, anschaulich, unterhaltsam, temporeich präsentiert, etwas kolportagehaft, aber mitunter sehr komisch - etwa die Episode über die ins Chaos umschlagende Haustiersammlung des Großvaters - und sehr klug, fast altklug. Mit einem Wort: Für einen Roman zu wenig.

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