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Englischer Romanzyklus : Willkommen auf dem Gipfeltreffen der Ironie

Ein ewiger Geheimtipp der Weltliteratur: Anthony Powells „Tanz zur Musik der Zeit“. Bild: Picture-Alliance

Die Komplettübersetzung von Anthony Powells Meisterwerk „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ nähert sich ihrem Ende.

          Der Wechsel vom Herbst in den Winter steht an; nicht nur kalendarisch, sondern auch literarisch, denn mit den beiden jüngsten Bänden des im Elfenbein Verlag erscheinenden Anthony-Powell-Zyklus, wird nun auch dort die Grenze zwischen Herbst und Winter überschritten. „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ heißt dieser insgesamt zwölfbändige Roman, außerhalb Englands einer der ewigen Geheimtipps der Weltliteratur, dessen Titel ein gleichnamiges Gemälde von Nicolas Poussin zitiert, das die Jahreszeiten zeigt, wie sie zur Musik des Laute spielenden Chronos tanzen. Powell aber stellt nicht den sich ständig wiederholenden Kreislauf der Natur in den Mittelpunkt seines von 1951 bis 1975 publizierten Großromans (mit insgesamt mehr als dreitausend Seiten), sondern das menschliche Leben, und so hat er jeweils drei Bände davon einer Jahreszeit zugeordnet und deren Abfolge am Verlauf der Biographie seiner Hauptfigur Nicholas Jenkins orientiert: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die beiden nun publizierten Teile 9 und 10 markieren also den Abschluss des Herbstes und den Beginn der Winter-Trilogie.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dabei ist Jenkins am Ende von Band 9 gerade einmal Anfang vierzig (sein Alter entspricht dem des Verfassers Powell, der 1905 geboren wurde), aber mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, von dem Band 9 unter dem Titel „Die Philosophen des Krieges“ erzählt, geht auch der Niedergang des Britischen Empires einher. Nicht, dass Jenkins darin eine hohe Position bekleidete – die nimmt dann mit Band zehn sein ewiger Widersacher Kenneth Widmerpool ein –, aber die elegische politische Stimmung überträgt sich auf die letzten drei Bände des Romanzyklus, in denen denn auch kräftig gestorben wird. Wobei das bitterer klingt, als es zu lesen ist.

          Eine gnadenlose Denunziation der britischen Oberschicht

          Denn der vor siebzehn Jahren gestorbene Powell verfügte über die seltene Gabe, Tragik und Ironie so miteinander zu verschränken, dass man, wie eine seiner Figuren bei einer Hochzeit, nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Wobei sich im Buch fürs Erstere entschieden wird, während man als Leser zu Letzterem neigen dürfte. Denn Powells lakonisch daherkommende Dialoge sind messerscharf formuliert, seine Detailschilderungen geradezu bösartig genau, so dass sein Buch als Ganzes eine gnadenlose Denunziation der blasierten britischen Oberschicht liefert, aus der sich das Romanpersonal nahezu ausnahmslos rekrutiert.

          Anthony Powell: „Bücher schmücken ein Zimmer“. Roman. Ein Tanz zur Musik der Zeit, Band 10. Aus dem Englischen von Heinz Feldmann. Elfenbein Verlag, Berlin 2017. 279 S., geb., 22,– €.
          Anthony Powell: „Bücher schmücken ein Zimmer“. Roman. Ein Tanz zur Musik der Zeit, Band 10. Aus dem Englischen von Heinz Feldmann. Elfenbein Verlag, Berlin 2017. 279 S., geb., 22,– €. : Bild: Elfenbein Verlag

          Der Vergleich mit Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ ist oft gezogen und von Powell wohl nicht viel seltener zurückgewiesen worden. Diese Abwehrhaltung darf man jedoch für ebenso ironisch halten wie seine Bücher, denn in Band 9 findet sich ein meisterhaftes Proust-Pastiche – mit den typischen halbseitenlangen Satzgebilden eine klare Verbeugung vor dem französischen Vorbild. Zumal Proust selbst der Großmeister dieser Form der Nachahmung war und sein eigener Romanzyklus das berühmteste Pastiche überhaupt aufweist: das auf die Brüder Goncourt, deren Tagebücher wiederum das Vorbild für die „Suche nach der verlorenen Zeit“ waren. Powell kennt die Literaturgeschichte nur zu genau; er war neben seiner Tätigkeit als Romancier jahrzehntelang einer der wichtigsten englischen Kritiker, und die Zahl der in „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ zitierten Groß- und auch Kleinwerke aus Antike bis Gegenwart ist Legion. Alle Protagonisten dieses Romans sind belesen – mit der Ausnahme Widmerpools, des Mannes also, der den steilsten gesellschaftlichen Aufstieg erlebt.

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