Die Szene, mit der Annette Pehnt ihren Roman beginnen lässt, ist von einer solch perfiden Grausamkeit, dass sie unterschwellig weiterklingt in allem, was folgt. „Mutter bedroht Annie mit dem Tod“, heißt es da, „das kann sie gut.“ Und wahrlich, das kann diese Mutter, die ihrer kleinen Tochter zuflüstert, wie sicher sie spüre, dass sie, die Mutter, nun sterben müsse. Dieses Mal sei es wirklich so weit, raunt sie dem von Angst gepeinigten Kind zu, und wie allein sie sei, wie furchtbar allein. Und dann, als Annie endlich die rettenden Worte einfallen, die sie schon so oft hat sagen müssen: dass sie die Mutter liebe und dass sie nicht allein sei und dass sie nicht sterben dürfe, da ist der böse Zauber wieder einmal überstanden. Denn natürlich fehlt der Mutter nichts, jedenfalls nichts Körperliches.
Nicht nur den Roman grundiert diese Szene. Es grundiert auch das Verhältnis der Mutter und ihrer Tochter, das Annette Pehnt in „Chronik der Nähe“ nachzeichnet. Noch in der nächsten Generation hallt es nach, wenn auch ungleich gemäßigter. Annie ist mittlerweile eine alte Frau, die nun selbst im Sterben liegt, die Ich-Erzählerin wiederum ihre Tochter. „Und jetzt bedrohst du mich mit dem Tod.“
Ohne Bitterkeit oder Vorwurf, eher mit einer behutsamen Traurigkeit denkt die Erzählerin diesen Satz, denn natürlich ist diese Todesdrohung eine ganz andere, als das perfide Spiel der Großmutter es war, aber im Gegensatz dazu ist es eine, deren baldige Konsequenz nicht mehr zu leugnen ist. Sieben Tage werden der Tochter noch am Krankenbett ihrer Mutter bleiben. Sieben Tage, an denen sie sich an das Verhältnis zu ihrer Mutter erinnert. Im Wechsel damit werden in Rückblenden die Geschichten der Mutter und der Großmutter während des Zweiten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren rekonstruiert.
Selbstverständlichkeiten werden zur Schuld
Wenn auch keine Bitterkeit in dem Satz der Erzählerin liegen mag, so zeugt er doch nicht ausschließlich von der Traurigkeit über den nahenden Verlust. Er schließt die Traurigkeit darüber ein, dass auch dieses Mutter-Tochter-Verhältnis kein ungebrochenes war. Die Nähe, von der im Titel des Romans die Rede ist, ist von der Mutter selten zugelassen oder gar gesucht worden, jedenfalls nicht als eine warme und offenherzige, geschweige denn verschworene.
Während die Erzählerin stets um Innigkeit buhlte, entzog sich die Mutter durch Reserviertheit, die nicht untypisch sein mag für die Generation derer, die in den Kriegs- oder Nachkriegsjahren aufgewachsen sind, diese Generation der sorgfältig gekleideten und korrekten Frauen, die nie ohne Handtasche das Haus verlassen haben und denen wenig Ausschweifendes eigen ist, weder innerlich noch äußerlich.
Es ist aber nicht nur diese habituelle Kühle, die das Verhältnis der Erzählerin zu ihrer Mutter bestimmt. Und wenn es auch keine wirklichen Zerwürfnisse gab, dann gibt es doch so etwas wie eine Schuld, die ihre Mutter ihr mitgegeben hat. Dass sie, die Erzählerin, als Säugling immer geschrien habe und wie sie, die Mutter, darunter gelitten habe, ist ein ständig wiederkehrender Vorwurf. Folter sei das gewesen. Fast lächerlich könnte dieser Vorwurf erscheinen, geht es doch hier um die selbstverständlichen Anstrengungen des Mutterseins, aber dennoch manifestiert sich in ihm die grundsätzliche Dynamik, die dieser Mutter-Tochter-Beziehung eingeschrieben ist. Die Mutter ist hier stets die Leidende, diejenige, der Untragbares zugemutet wird und die gar nicht darüber nachzudenken scheint, was sie der Tochter mit ihren Vorwürfen aufbürdet.
Die existenzielle Forderung nach Nähe
In diesem Verhalten der Mutter schreibt sich im Kleinen fort, was sich eine Generation davor zugetragen hat. Als die Beine der kleinen Annie in den Bombennächten vor Angst versagten, trug ihre Mutter sie nicht etwa zum Bunker, sondern herrschte das Kind an, sie offenbar beide umbringen zu wollen mit ihrer Weigerung zu laufen. Von da an musste Annie, damit es bei Alarm keine Probleme gab, jede Nacht von Beginn an im fremden Keller verbringen, allein, auf einem provisorischen Bett auf Holzpaletten, die Tür von außen abgeschlossen, im kompletten Dunkel. In den Nachkriegsjahren dann - der Vater ist bereits gestorben, überhaupt spielen Männer in diesem Buch, wie auch in den beiden Mutter-Tochter-Verhältnissen keine nennenswerte Rolle - organisiert die Mutter, oft in tagelanger Abwesenheit, Nahrungsmittel, will aber von der Tochter für jedes ihrer Tauschgeschäfte intensiv gelobt und bewundert werden. Zweifelsohne sind es enorme Belastungen und Entbehrungen, die diese Frau auf sich nehmen muss, trotzdem dreht sie mit einer Rücksichtslosigkeit, die irritiert, das natürliche Verhältnis von Mutter und Tochter um. Die wiederkehrenden Ankündigungen des eigenen Todes und das Beklagen der eigenen Einsamkeit, denen sie Annie aussetzt, sind die extremste Ausprägung davon.
Etwas Ähnliches, wenn auch in weniger existentieller Form, passiert in der nächsten Generation, wo es stets die Tochter ist, die Kontakt und Austausch nicht nur suchen, sondern einfordern muss, die eine Nähe herstellen muss, der die Mutter, jedenfalls äußerlich, nahezu mit Interesselosigkeit begegnet. Üblicherweise sind es die Eltern, die sich spätestens mit Beginn der Pubertät ihrer Kinder darum bemühen müssen, das ehedem enge Miteinander nicht zu verlieren.
Unaufgeregte, zärtliche Stille
Annette Pehnt beklagt das Verhalten von Mutter und Großmutter nicht als Lieblosigkeit, sondern blickt mit sanfter und zugleich schonungsloser Klarheit auch auf die Hilflosigkeit, die darin zum Ausdruck kommt. Zugleich bedeutet der Blick auf Mutter und Großmutter natürlich, auch wenn das nicht expliziert formuliert wird, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Muttersein. Die Erzählerin ist selbst zweifache junge Mutter - und anders als ihre Mutter und Großmutter plant sie durchaus, die Familie noch weiter anwachsen zu lassen.
Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie viel Biographie in diesem Buch steckt, gerade weil es allzu deutlich scheint. Aber das ist nicht, was diesen Roman so besonders macht. Das Besondere liegt in der unaufgeregten Stille, in der Zärtlichkeit und Nähe zu den Figuren, gerade auch, wo es um deren verletzende Seiten, um eigene Kränkungen der Erzählerin geht. Annette Pehnt erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, sie erzählt vor allem von der ebenso schönen wie mitunter auch schmerzhaften Bindung zwischen Müttern und Töchtern. Und nicht zuletzt erzählt sie von der Macht der Erfahrungen, die wir unseren Kindern mitgeben.