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Annette Mingels neuer Roman : Versuchsanordnung über die Liebe in modernen Zeiten

  • -Aktualisiert am

Annette Mingels schickt ihre Heldin auf Vatersuche. Bild: Hendrik Lüders

Es ist ein Echo auf den Minneroman: Annette Mingels erzählt in „Was alles war“ eine mitreißende Adoptionsgeschichte.

          Susa, die bei liebevollen Pflegeeltern aufwuchs, ist einigermaßen gut im Leben verankert. Sie war zehn, als man ihr mitteilte, sie sei adoptiert, und sie fühlte sich nach dem ersten Schock „wie eine Romanheldin“. Da steht sie eines Tages plötzlich vor ihr: Viola, die „biologische“ Mutter, eine freiheitsliebende Esoterikerin, rund um den Erdball zu Hause und nirgends. Sie taucht auf und verschwindet, flirtet mit jedem, spricht fast nur über sich selbst. „Als niemand ihren Blick erwidert, wendet sie sich wieder mir zu, präsentiert sich wie eine Kostbarkeit, als wäre sie, wenn sie wählen könnte, sich selbst die liebste Gesellschaft.“

          Fachsimpeln über die Liebe

          Schon 2007 schrieb man der Schriftstellerin Annette Mingels Kompetenz im Fachsimpeln über die Liebe zu. Ihr Erzählungsband „Romantiker“ war gerade erschienen, und ein Magazin hatte sie zusammen mit Wilhelm Genazino eingeladen, über den Satz „Ich liebe dich“ zu plaudern. „Dass das Beschreiben von Liebe nicht trivial wird, dafür muss der Autor sorgen, indem er sie nicht vereinfachend darstellt“, gab sie damals zu Protokoll. „Liebe“ – das war längst nichts nur zwischen Partnern, sondern durchgearbeitet auf allen Beziehungsebenen. In Romanen wie „Die Liebe der Matrosen“ (2005) spürte sie dem Verschwinden dieses flüchtigen Gefühls nach; in „Tontauben“ (2010) über den Unfalltod eines Mädchens der engen Eltern-Kind-Bindung. „Was alles war“, ihr fünfter Roman, ist kompliziert. Und doch meisterhaft gebaut.

          Annette Mingels verbleibt zunächst ganz in Susas Perspektive, um leise Unsicherheiten zu registrieren. Kleine Beben, die das Treffen mit Viola nach sich ziehen, obwohl sie die „Mutter“ bewusst auf Distanz hält. Dennoch hallen deren vollmundige Sätze nach. Mit der Liebe hält Viola es eher spirituell: loslassen. Dann erst könne man richtig lieben. Kinder kriegen? Ja, sogar gleich vier. Sie aufziehen? Nein, das sollen lieber andere besorgen. Sie gab alle zur Adoption frei.

          Das sind unbrauchbare Worte für Susa, die gerade ein gänzlich anderes Lebensmodell erprobt, mit dem Witwer Henryk, dessen zwei Töchtern und bald einem gemeinsamen Kind. Verliebtheit. Der erste Streit. Die erste Versöhnung. Schon geht es um klassische Terrainabsteckung zweier möglichst gleichberechtigt arbeiten wollender Partner. Susa als Meeresbiologin, die stundenlang Plattwürmern beim Paaren zuschaut (vierzehnmal stündlich!), und Henryk als Spezialist für Minnegesang.

          Echo auf den Minneroman

          Nach außen höfisch, nach innen leidend – das charakterisierte diesen mittelalterlichen Typus. Mingels’ Roman ist ein Echo auf diese alte Weise, geformt als Klagelied eines Paars, das Zusammenleben bilanziert und darüber die Liebe zu verlieren droht. Zwischen Windelnpacken und Eislaufen. Alltagsdinge haben ja einen bedauerlich literaturuntauglichen Ruf. Es wird poliert und inszeniert und aufgetrumpft. Aber mal ein Satz über das Aufräumen von Spielsachen? Oder die Wucht des Augenblicks, wenn der Teenager sich wunderbarerweise der neuen Frau des Vaters anvertraut hat? „Und dabei klingt sie so offen und arglos, dass ich sie in den Arm nehmen und nur noch stückweise daraus entlassen möchte, hierhin mal ein Bein streunen lassen, darauf ein Auge werfen, aber sich nicht verbrennen, verraten, verlieren.“

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