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Anne Enright: Anatomie einer Affäre So kann man seine Schwiegersippe auch loswerden

 ·  Von der Affäre zur Patchwork-Familie: Die irische Schriftstellerin Anne Enright gilt als furchtlose Forscherin an seelischen Abgründen. Das bekräftigt ihr neuer Roman „Anatomie einer Affäre“.

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Der Kuss, den Gina später als den „ersten richtigen“ ihrer Liebe mit Seán ansehen wird, findet vor einer wichtigen Zeugin statt: Seáns neunjähriger Tochter, und zwar ausgerechnet bei der Neujahrsparty ihrer Eltern. Die Affäre, die Gina und Sean unterhalten, dauert da schon eine Weile, und dass es eine Ehefrau gab, war ihr stets präsent, „sie war wie eine Mauer, die am Rande meines Bewusstseins verlief“, aber an Seáns Tochter Evie verschwendet Gina keinen Gedanken: „Ihr Schatten fiel nicht, durfte nicht auf unser Hotelbett fallen.“ Er fällt auch nicht auf das Hotelbett, sondern auf die ganze Beziehung.

„Anatomie einer Affäre“ heißt der neue Roman der neunundvierzigjährigen Irin Anne Enright bei uns, und der Titel passt ausnahmsweise einmal besser als das Original, „The Forgotten Waltz“. Denn genau für die Anatomie interessiert sich die Autorin: Sie nimmt eine ganz gewöhnliche Affäre unter verheirateten Leuten, zerlegt sie in die bekannten Bestandteile - und heraus kommt, was jenseits von geheimen Treffen, einer bestimmten Anziehung und romantischem Sehnen liegt: Verlorenheit, Ratlosigkeit und Schuldgefühle.

Abgebrüht, unverhohlen und nicht gerade tiefschürfend

Die Ich-Erzählerin Gina, „vernünftig verheiratet, verheiratet, verheiratet“ mit dem soliden Connor, ist Anfang dreißig und in der IT-Branche tätig. Ihr Land, die Zeiten und sie selbst sind auf Wachstum programmiert, und es gilt, um jeden Preis zu profitieren vom Irland-, Immobilien- und Informatik-Boom. Wichtiger als die Hochzeit mit Connor ist der Kauf eines gemeinsamen Häuschens, und wichtiger als das Zusammenleben darin ist das ständige Bewusstsein, wie sehr der Wert der eigenen vier Wände in den letzten zehn Minuten schon wieder gestiegen ist: bei 75 Euro pro Tag rund fünfzig Cent. Das ist moderne „Hypothekenliebe“. Dazu die liebe Schwiegerfamilie, ein großer Freundeskreis und Ströme von Sauvignon Blanc. „Allmächtiger. Ich kann es nicht fassen, dass ich das alles los bin. Dass du lediglich mit jemandem schlafen und dich dabei erwischen lassen musst - und schon brauchst du deine Schwiegersippe nie wiederzusehen. Das grenzt geradezu an Zauberei.“

Anne Enright hat mit Gina eine unzuverlässige Ich-Erzählerin geschaffen, die in ihrer eigenen Unberechenbarkeit geradezu schwelgt, wenn sie uns die Geschichte ihrer Liebe zu Seán und des Tumults, den diese in allen beteiligten Leben auslöst, in Bruchstücken und nicht unbedingt chronologisch aus der Erinnerung heraus schildert. Gina, abgebrüht, unverhohlen und nicht gerade tiefschürfend, ist in ihrer darwinistischen Art keine Frau, die Sympathien oder Solidaritätsgefühle erweckt. Als sie mit ihrem Bericht loslegt, ist sie bereits seit einigen Jahren mit Seán zusammen, und dass dies als die große Liebe beschworen werden muss, folgt selbst in ihrer Welt einigermaßen zwingend aus dem Umstand, dass Ginas mustergültige Schwester, der nette Connor sowie Seáns brave Ehefrau und Tochter über diese Paarung entsetzt sind.

Fingernägel bohren sich in die Haut

Die einzige Gina ebenbürtige Figur ist Evie, dieses seltsam unförmige, stille und etwas frühreife Kind, das wie ein rachsüchtiger Geist über den Seiten schwebt. Gina, die selbst keinerlei mütterliche Ambitionen hegt, ist von Evie verunsichert, und das nicht nur, weil Seán alles für seine Tochter tun würde. Evie leidet unter einer seltenen Form von Epilepsie, weswegen sie unter ständiger Aufsicht sein muss, und was Gina empfindet, ist nicht in erster Linie Eifersucht, sondern das für sie neue Gefühl, hier schlicht nicht konkurrieren zu können. Also tut sie etwas für sie Ungewöhnliches: Sie bemüht sich um das Kind. Doch in der unentschlossenen Patchwork-Konstellation, in der Seán immer noch zum Frühstück nach Hause geht und eher aus Notwehr denn Überzeugung mit Gina zusammenlebt, ist sie nicht nur die Böse, sondern vor allem die Außenseiterin.

Spätestens seit ihrem letzten, mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman „Das Familientreffen“ (2008) gehört Anne Enright zu den renommiertesten Autorinnen ihrer Generation. Ihre Sprache ist klar und niemals zimperlich, doch wo in früheren Werken stets die Ahnung von Verlust und aufkommendem Bedauern mitschwang, verkneift sie sich hier jeglichen Hinweis darauf, dass sie selbst klüger und erfahrener ist als ihre Heldin. Anne Enrights Prosa grabe sich in Charaktere wie Fingernägel in Haut, schrieb eine amerikanische Rezensentin, was die Wirkung der Lektüre ziemlich genau auf den Punkt bringt. Wer Liebe stehle, müsse sich darüber klar sein, von wem er sie nimmt, sagt Gina einmal, und ähnlich unerbittlich ist sie, wenn ihre Diagnosen nicht sich selbst, sondern den anderen gelten: „Ich habe das Gefühl, die Welt wäre besser dran, wenn sie von Mädchen regiert würde, die fast zwölf sind - dank ihrer Fähigkeit, gleichzeitig vollkommen moralisch und vollkommen korrupt zu sein. Der Kapitalismus würde zweifellos florieren.“ Am Ende des Einkaufsbummels mit Evie, der ihr diese Einsicht beschert, kommt es im Spiegel eines Make-up-Geschäfts zur Entladung. „Plötzlich sucht sie Streit. Mir schwant, was ihre Mutter sich dieser Tage bieten lassen muss - nur, dass ich das Gegenteil abbekomme. Bei mir wird der Vorwurf umgedreht: Du bist nicht meine Mutter!

Eine ungeschönte Aufstellung

Hier ist Gina mit ihrem temperamentvollen, zynisch-heiteren und fesselndem Bericht endlich in der Gegenwart angekommen. Den Versuch, ihre Geschichte mit Seán als Serie von schicksalshaften Ereignissen als romantisch unvermeidlich darzustellen, hat sie zum Glück nie unternommen, auch wenn selbst sie vor manchen Überhöhungen nicht gefeit ist. Und bei allem Fremdeln zwischen ihr und dem Kind ihres Geliebten, bei aller Unsicherheit und dem Wissen, dass dieser Teil des Patchworkgefüges keine Wahlverwandtschaft ist, rührt sich hier endlich eine Art von Erlösung. Denn Gina merkt, dass sie Evie nicht nur lieben möchte, sondern dass sie es bereits tut, hilflos und unzulänglich vielleicht, aber eben auch unabhängig davon, ob das Kind dieses Zusammengehörigkeitsgefühl im Geringsten erwidert.

Anne Enright wollte keine neue Geschichte erzählen. Vielmehr hat sie eine längst alltäglich gewordene Story, deren einzelne Etappen und Bestandteile schon fast zum Klischee erstarrt sind, einfach so ernst genommen wie die Beteiligten selbst - in vollem Bewusstsein der Vorhersehbarkeit und Klischeehaftigkeit ihres jeglichen Tuns, Empfindens und Reagierens. Keine leichtfertigen moralischen Beurteilungen stehen am Ende dieses Romans, sondern eine ungeschönte Aufstellung von emotionalem Soll und Haben.

Anne Enright: „Anatomie einer Affäre“. Roman. Aus dem Englischen von Petra Kindler und Hans-Christian Oeser. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 308 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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