18.12.2009 · Unsanfte Landung: Die Booker-Preisträgerin Anne Enright besingt in ihren neuen Erzählungen elektrische Mechanismen und andere Zumutungen der Moderne.
Von Margret FetzerRolltreppen sind ein Phänomen: Solange sie funktionieren, erfreuen sie sich größter Beliebtheit, und nur urbane Sportaktivisten ziehen die herkömmliche Treppe vor. Doch kaum bleiben sie stehen – und das passiert leider viel öfter, als einem lieb wäre, und immer dann, wenn man schweres Gepäck dabeihat –, will keiner etwas mit ihnen zu tun haben. Die Passanten drängen sich auf den Stufen neben der Rolltreppe, die derweil in einsamer Erstarrung verharrt. Die Irin Anne Enright, die für ihren Roman „Das Familientreffen“ (deutsch 2008) vor zwei Jahren mit dem renommierten Man-Booker-Preis ausgezeichnet wurde, will wissen, wie Dinge (beispielsweise Rolltreppen) und Menschen (die stehengebliebene Rolltreppen meiden) funktionieren.
Einer der Texte aus ihrer Erzählsammlung „Alles was du wünschst“ kreist um eine neue Rolltreppe, die die verschiedenen Abteilungen eines Dubliner Kaufhauses miteinander verbinden soll. Matratzenverkäuferin Kitty ist fasziniert: „Die Rolltreppe, die nach oben führte, bestieg sich selbst, Stufe um Stufe, die Rolltreppe, die nach unten führte, floss wie Sirup und versank langsam im Boden.“ Kaum zu glauben, dass elektrische Mechanismen so erogen-poetisch besungen werden können – doch der Blick ins Innenleben der bald schon zu reparierenden Treppe ist noch weit anstößiger: Die Stufen „drängten sich um den zentralen Zapfen wie große Stücke einer Pastete aus Metall, schoben sich dann auf dem Weg nach oben auseinander, wobei sie ihre stufenbildenden Dreiecke baumeln ließen“.
Physisch greifbarer Stil
Vor allem die englische Presse preist Enright für die Körperlichkeit, die physische Greifbarkeit ihres Stils, und laut eigener Aussage bemüht sich die Autorin, mit jedem Satz wenigstens einen der fünf menschlichen Sinne anzusprechen. Diese Sinnesbezogenheit ist nicht mit positiver Sinnlichkeit zu verwechseln: Man denke nur an „Kleine Schwester“, in der die Erzählerin den Verfall ihrer magersüchtigen Schwester protokolliert: „Gegen Ende fielen ihr die gelben Zähne aus, und ihr Körper war von einer Art Babyflaum überzogen.“ Oder aber der Strampler eines schlafenden Säuglings: „die Vorderseite steif von angetrockneter Nahrung, das Hinterteil weich vor Kacke“.
Nicht genug damit, dass Enrights Erzählwelten manchmal penetrant stinken. Schockierender ist es, wenn sich angenehme Düfte zur Unzeit ausbreiten – etwa in „Honig“, als die neben einem Grab frisch aufgeschüttete Erde während der Beerdigung einen Geruch von Frühsommer verströmt. Anne Enright enttäuscht potentielle Leseerwartungen systematisch: Statt erfolgreichem Sex ergibt sich lediglich „ein zielloses Rumgemache“. „Kopfkissen“ thematisiert einen Studienaufenthalt im Ausland nicht als Partysemester, sondern als Zustand existentieller Gefährdung. Eine Frau Ende vierzig empfindet ihre nur kurz andauernde Schwangerschaft auch noch nach dem Abgang des Embryos als Geschenk – wohingegen die junge verheiratete Frau in „Schacht“ auf ihren riesigen Bauch alles andere als stolz ist. Ein Baby erdreistet sich, nach einem durchbrüllten Nachmittag auf Mutters Arm den lautstarken Ehekrach seiner Eltern einfach zu verschlafen. Die betrogene Gattin aus „Bis zum Tod der jungen Frau“ verachtet ihren fremdgehenden Ehemann nicht nur nicht, sie hat sogar Mitleid mit ihm. Und statt sich über die neu geknüpften Kontakte ihrer Eltern zu freuen, entwickelt die erwachsene Tochter aus „Die Kreuzfahrt“ eine rasende Eifersucht auf „die Carters aus Yorkshire“.
Übersinnliches Element
Das Schreiben hat Anne Enright an der Universität von East Anglia gelernt, die schon große Talente wie Ian McEwan hervorgebracht hat. Die Erzählungen ihrer dortigen Lehrerin Angela Carter (1940 bis 1992), einer Meisterin des magischen Realismus, haben es in Großbritannien bis zur Abiturlektüre gebracht – kein schlechter Leumund also, mit dem Anne Enright immer wieder gern in einem Atemzug genannt wird. Doch der Vergleich verfängt nicht: Zwar findet sich auch in „Alles was du wünscht“ das eine oder andere übersinnliche Element, aber insgesamt ist Anne Enright um einiges handfester und stark im irischen Kontext verankert. Da wären zum Beispiel die zahlreichen Anspielungen auf das schwierige, teils von subtilem Sozialneid geprägte Verhältnis der Iren zu Engländern oder Amerikanern oder auch der starke Fokus auf die Familie, vor allem die sich aufopfernde Mutter, der für die meisten Erzählungen zentral ist. Nur eine der neunzehn Kurzgeschichten wird aus männlicher Perspektive vermittelt, und in der geht es vor allem darum, wie fremd dem Erzähler seine Ehefrau, Mutter und Tochter sind.
Ein Roman, sagt Anne Enright, sei der Ort, an dem man lebt, während Kurzgeschichten flüchtigen Bekannten ähnelten, die man hin und wieder anruft. Das leuchtet ein – und trotzdem ergeben sich bei solchen Telefonaten immer wieder überraschend intensive Gespräche. Im Original trägt Anne Enrights Sammlung den Titel „Taking Pictures“, und tatsächlich erscheint diese Bezeichnung wesentlich passender als das irreführend pseudoromantische „Alles was du wünschst“ der deutschen Ausgabe, die dabei den Titel einer der schwächsten Einzelerzählungen zitiert. Anne Enrights Geschichten sind Schnappschüsse, sie unterscheiden sich maßgeblich von der aufwendigen fotographischen Studie ihres großen Romans „Das Familientreffen“, doch sind sie deshalb keineswegs weniger lesenswert. Man möchte sie verschlingen, und obwohl sie selten leicht verdaulich sind, wird langfristig keinerlei Völlegefühl zurückbleiben. Mancher Bissen bleibt einem indes fast im Halse stecken – ein Gefühl, als ob die eben noch schwungvoll aufwärtsstrebende Rolltreppe unsanft unter einem zum Stehen kommt.