11.03.2009 · Supermütter im Perfektionswahn: Anna Katharina Hahns Debütroman „Kürzere Tage“ erzählt von zwei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ihr Problem ist eine gnadenlose Übertrumpfungssucht, die die beiden Frauen blind macht für die wahren Probleme.
Von Gisa Funck„Hackstraßenmist“ heißt der Urteilsspruch, den es unbedingt zu vermeiden gilt. Denn „Hackstraßenmist“, wie Klaus es nennt, ist das Schlimmste für seine Frau Judith, die eine der beiden Heldinnen aus Anna Katharina Hahns Debütroman „Kürzere Tage“. Der Begriff steht für den Rückfall in eine peinlich ineffiziente Vergangenheit, die Judith am liebsten vergessen würde. Wie sollte sie sich auch verzeihen, dass sie früher, als sie noch in der Hackstraße wohnte, viel zu lange Kunstgeschichte studierte, ohne ihre Abschlussarbeit über Otto Dix zu beenden? Wie sonst erklären, warum sie damals an ihrer Affäre mit Sören festhielt, einem machohaften Medizinstudenten, der Judith schlecht behandelte und nie geheiratet hätte? Und dann die vielen Zigaretten und Psychopharmaka, die Judith damals rauchte und in sich hineinstopfte. Daran will die Frau um die vierzig, inzwischen Mutter von zwei kleinen Söhnen, nicht mehr erinnert werden. Auch pafft sie heute nur noch heimlich und auch bei den Tabletten verwischt sie penibel alle Spuren.
Schließlich ist Judith heilfroh, die Kurve noch gekriegt zu haben. Von einem Tag auf den anderen hat sie das Studium geschmissen und Sören abserviert, um Klaus zu heiraten. Der ist zwar ein daueroptimistischer „Langweiler“, wie Judith bedauert. Auch Sex mit ihm ist nicht aufregend, „wie Schwimmen am Warmbadetag“. Doch dank ihm, der inzwischen Professor für Maschinenbau ist, konnte Judith von der ranzigen Hackstraße in die noble Constantinstraße umziehen: mit ihren herausgeputzten Altbauwohnungen eine Lieblingsadresse des Stuttgarter Bildungsbürgertums.
Nichts ist so, wie es sein soll
Auch die fünf Jahre jüngere Leonie, die Judith direkt gegenüber wohnt, hat für ihre Zugehörigkeit im begehrten Wohnviertel schmerzhaft-pragmatische Kompromisse in Kauf genommen. Ihr Mann Simon, als Sohn einer allein erziehenden Mutter in der „Schwabenbronx“ Heslach aufgewachsen, musste erst einmal „wie Robinsons Freitag“ zivilisiert werden. Geduldig hat Leonie ihm die nötigen Codes beigebracht, mit denen er sich vom Praktikanten zum Vertriebsleiter einer Firma für Autodichtungen hocharbeitete. Nun aber ärgert sie, dass Simon so ehrgeizig geworden ist, dass er oft noch spät nachts im Büro sitzt statt seiner Frau mit den beiden kleinen Töchtern zu helfen. Leonie, die als studierte Romanistin ebenfalls in einer Bank arbeitet, plagt ihr Rabenmutter-Gewissen. Und wenn sie im Dunkeln die benachbarte Nur-Mutter Judith vom Fenster aus beobachtet, die ihre beiden Söhne nach den Maximen der Waldorfpädagogik erzieht, kommt ihr das wie die „heilige Familie“ vor, in der „alles so ist, wie es sein soll“.
Wie schon bei Dieter Wellershoff oder dem frühen Martin Walser regiert auch in Anna Katharina Hahns multiperspektivischer Milieustudie, die einige Tage vor dem Reformationstag im Oktober spielt, eine gnadenlose, bürgerlich-kapitalistische Übertrumpfungssucht. Nur, dass es hier nicht Männer sind, die mit Statussymbolen protzen, sondern Frauen, die subtil darum ringen, wer die Supermama ist. Der Wettstreit der Mütter mündet allerdings schon deshalb in die bizarr-tragische Überforderung, weil in der Gegenwartsgesellschaft nicht nur die beruflichen, sondern auch die privaten Erfolgskriterien längst ins Diffuse abgeglitten sind. Was macht geglückte Elternschaft heute aus? Schwer zu sagen. Während es für das Statusempfinden der Großmüttergeneration vorrangig war, eine gute Partie zu machen, waren die Akademikerinnen der sechziger und siebziger Jahre stolz auf ihre emanzipatorische Selbstbefreiung und berufliche Eigenständigkeit. Heute, in Zeiten des postmodernen anything goes sind studierte Mütter wie Leonie und Judith gezwungen, sich ihre Identität selbst zu basteln. In ihrem Anspruch, Kinder, Karriere und Selbstverwirklichung unter den Hut zu bringen, müssen sie notwendig scheitern.
Showgesten einer Pseudotoleranz
Sowohl bei Leonie als auch bei Judith lauert der wahre Feind im eigenen Kopf. Im perfektionistischen Wahn, immer alles richtig machen zu wollen, ohne freilich genau zu wissen, was das ist, fällt es beiden Müttern schwer, Abstriche hinzunehmen und sich mit den eigenen wie den Schwächen anderer zu arrangieren. Beide schicken sie ihre Kinder zwar politisch und ökologisch korrekt auf den linksalternativen Kinderbauernhof, wo auch der Nachwuchs aus der verrufenen „Olgaeck“-Siedlung mitspielen darf. Auch kaufen beide ihr Gemüse beim türkischen Feinkosthändler ein, der unter seiner Baskenmütze allerdings eher wirkt „wie ein Franzose aus einem Chanson von Brel“. Das alles sind indes nur Showgesten einer Pseudotoleranz, hinter der ein erbarmungsloser Optimierungswille wütet. Judith ekelt sich vor ihrer alten Nachbarin, die nach „Schweiß und schmutziger Unterwäsche“ riecht. Leonie wechselt bei Berichten aus Krankenhäusern und Altenheimen sofort das Fernsehprogramm. Alles, was mit Schmerz, Verfall und Tod zusammenhängt, ruft bei beiden Müttern panische Reaktionen hervor, wird ausgeblendet oder beseitigt. So lebt man in der Constantinstraße, wie Judith bekennt, „in gegenseitiger Nichtachtung nebeneinander her“, bis es zur Katastrophe kommt.
Nicht nur der lakonische, nüchterne Erzählton erinnert in „Kürzere Tage“ an den Roman „Die Habenichtse“ von Katharina Hacker, eine Anklageschrift auf eine so visions- wie empathielose Akademikergeneration zwischen dreißig und vierzig. Auch inhaltlich haben beide Romane eine ähnliche Stoßrichtung und stimmen nicht zufällig in zentralen Motiven überein. Wie bei Katharina Hacker gibt es auch bei Anna Katharina Hahn misshandelte Kinder in direkter Nachbarschaft. Und wie schon in den „Habenichtsen“ schauen auch die Aufsteiger aus „Kürzere Tage“ lieber nicht so genau hin, wenn sie diesen Kindern begegnen. Anders als Katharina Hacker aber hat Anna Katharina Hahn für die schleichende Verrohung der gehobenen Mittelschicht eine unspektakulärere Verpackung gewählt: Statt London das strebsam-behäbige Stuttgart, statt Glamourpärchen die piefige Kleinfamilie. Und statt großer Schlagworte wie dem elften September der Ausdruck „Halloween“, der im Roman als Umetikettierung des Reformationstags andeutet, dass der lokale Blick auf die Constantinstraße exemplarisch für einen allgemein-gesellschaftlichen Mentalitätswandel steht. Gerade die Beschränkung auf das scheinbar Alltägliche und verkürzte Handlung weniger Tage, die ins Desaster führen, macht „Kürzere Tage“ so spannend und gleichzeitig so erschreckend.