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Andreas Maier: Onkel J. : Heimatverbundenheit ist geradezu tödlich

Bild: Suhrkamp

Vor Umgehungsstraßen wird gewarnt: Andreas Maier betreibt rabenschwarze Heimatkunde und glasklare Gegenwartsbeobachtung.

          Heimatkunde war einmal ein Schulfach. So lange ist das noch gar nicht her. Erst in den sechziger Jahren wurde das Fach, eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, in den deutschen Grundschulen durch die Sachkunde ersetzt. Der neue Begriff sagt eigentlich schon alles: Fortan galt das Gebot, die Heimat sachlich zu betrachten, distanziert also und möglichst neutral. Man glaubte, viel damit zu gewinnen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Glaubt man Andreas Maier, gibt es nichts zu gewinnen, wenn es um Heimat geht. Heimat ist das, was immer schon vergangen oder im Vergehen begriffen ist, und Heimatkunde demgemäß vor allem die Beobachtung eines unaufhaltsamen Vernichtungsvorgangs. Erforschung der Heimat heißt bei Maier nichts anderes als den Prozess ihrer Zerstörung mit offenen Augen zu begleiten. In diesem Sinne ist Heimatverbundenheit geradezu tödlich und Heimatkunde ein Verlustgeschäft mit letalem Ausgang. Denn Heimatliebe wäre immer eine Liebe zum Tode. Ganz so wie die Gegenwart, die wir ja auch nur in wenigen und meistens als rauschhaft bezeichneten Momenten als gegenwärtig empfinden, nehmen wir auch die Heimat meist erst im Rückblick als Heimat wahr. Erst so gibt sie sich zu erkennen als das, was sie ist: Versprechen und Strafe, Glück und Verhängnis.

          Heimat- und Verlustgefühle

          So in etwa könnte man die Essenz von Andreas Maiers neuem Buch beschreiben. Heimatgefühl als Verlustgefühl. Aber wird das dem Band gerecht, der unter dem Titel „Onkel J.“ und dem Untertitel „Heimatkunde“ 23 Kolumnen versammelt, die in den Jahren 2005 bis 2010 in der österreichischen Literaturzeitschrift „Volltext“ erschienen sind? Sie beginnen alle mit dem Wörtchen neulich: „Neulich war ich in Berlin. Neulich war ich auf dem Friedhof. Neulich war auf einer Lesung von mir jemand ziemlich betrunken. Neulich ist das Tante Lenchen gestorben. Neulich las ich Mein Kampf von Adolf Hitler.“ Aber das letzte Wort in diesem Buch lautet einstmals: „Und dann werde auch ich endgültig eingetreten sein ins Einstmals.“

          Dazwischen gibt es eine Scharnierstelle. Unter der Überschrift „Neulich war ich im Forsthaus Winterstein“ beschreibt Maier, ein ernsthafter Kneipengänger, der weiß, dass man gerade das Vergnügen ernst nehmen muss, einige Grundzüge seiner Wirtshausphilosophie. Eine Kneipe hat alt zu sein und sich möglichst wenig zu verändern. Lüften ist erlaubt, renovieren nicht. Die Maiersche Kneipe ist eigentlich immer ein Gasthaus, mag sie noch so ungastlich sein. Der Wirt hat Fährmannsfunktion: Er kann einen vor die Tür setzen oder freundlich in jene Sphären hinübergeleiten, die in der Regel nur begnadeten Trinkern zugänglich sind. Das Gasthaus ist ein metaphysisches Gehäuse für das hier einst gelebte Leben, das irgendwie und in den unterschiedlichsten Aggregatzuständen, von gas- bis fettförmig, noch immer in den Räumen west. Und wäre man auch der einzige Gast, in einem solchen Hause ist man nie allein.

          Deutschland im Jahr 1970

          Dergleichen Orte werden rar. Manchmal wird ein solches Gasthaus modernisiert, damit die Leute sagen, man könne jetzt wieder dorthin gehen. Aber: „Wo man wieder hingehen kann, gehe ich nicht mehr hin. Das hat sich als eine der Grundregeln meines Lebens herausgebildet.“ Neulich wollte Andreas Maier ins Forsthaus Winterstein, einen Kindheitsort, den er Jahrzehnte nicht mehr aufgesucht hatte: „Ich ging im Wald spazieren, in der Mitte meines Lebens wie Dante (fast vierzig wie er damals), und eine Dreiviertelstunde später betrat ich den fernsten Ort, den es gibt. Meine eigene Vergangenheit. Deutschland im Jahr 1970.“ Sofort stürmen Erinnerungen und Assoziationen auf ihn ein: Krautwickel und Korn, Bahnhofsbordell und Amerikaner in Uniform, Impressionen aus einem „Land, fünfundzwanzig Jahre nach Adolf Hitler“ und noch immer voll von Pissbecken und Brechbecken aus der NS-Zeit: „So trat ich ein vom neulich ins einstmals.“

          Wie Dante den Höllenkreis betritt Maier in seiner Wetterauer Komödie die Panoptiken einer Vergangenheit, die stets mehr ist als nur seine eigene. Wo immer es hingeht, nach Berlin oder ins Gasthaus, auf den Friedhof oder als Stipendiat in die Villa Massimo, jeder Ort befeuert eine Reflexions- und Erinnerungssuada, die im Kern um die Frage kreist, warum die Veränderung des Unerträglichen oft noch viel unerträglicher ist als das Unerträgliche selbst. Maier ist vordergründig ein Modernitätsverweigerer voller Selbstironie, ein hochkomischer Übertreibungskünstler, der sich auf den zweiten Blick als metaphysisch aufgeladener Empiriker einer Gegenwart entpuppt, gegen die auf raffinierte Weise Bilder und Gestalten der Vergangenheit in Stellung gebracht werden: „Man muss nur ,damals‘ und ,noch‘ sagen, und die meisten machen geistig sofort dicht und finden, ich hätte recht. Habe ich ja auch. Aber nicht so, wie sie es meinen!“

          Im Zentrum steht der bizarre Onkel J.

          Nein, dieses Buch ist mehr als eine Heimatkunde. Es ist auch eine Gegenwarts- und Menschenkunde, in deren Zentrum mit Maiers Onkel J. eine Figur von bizarrem Reiz steht: „Zangengeburt, dürres Kind, geistig zurückgeblieben“. Kneipengeher, ungewaschen, stinkend, lebenslang lebensuntüchtig, also durch und durch modernisierungsresistent. Diese Kolumnen leuchten, allerdings rabenschwarz, und sie perlen, allerdings wie Apfelwein. Aber sie halten länger.

          Andreas Maier: „Onkel J. Heimatkunde.“ Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 134 S., geb., 17,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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