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Andreas Maier: Die Straße : Schlafzimmerblicke auf dörflicher Jagdmeile

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Andreas Maier legt mit „Die Straße“ den dritten Teil seiner Kindheitsbeschreibungen vor und zeigt, dass sogar das beschauliche Örtchen Friedberg in der Wetterau ein einziges Sehnsuchtsgebiet ist.

          Es klang etwas überdimensioniert, als der 1967 im hessischen Bad Nauheim geborene Schriftsteller Andreas Maier ankündigte, er wolle seine Wetterauer Kindheit in nicht weniger als elf Bände bannen, deren Titel er alle schon im Kopf hatte, als noch zu befolgende Arbeitsanleitung: „Ortsumgehung“ heißt der Zyklus, nach der großen Umgehungsstraße B 3a, die Maiers alte Heimat um Friedberg zu vernichten droht und die er deshalb noch einmal besichtigen wollte. Jetzt ist, nach den Bänden „Das Zimmer“ und „Das Haus“, der dritte Teil erschienen, „Die Straße“, die Öffnung zur Welt.

          Ein Serieneffekt tritt jedenfalls schon mit diesem dritten Band ein. Man will doch wissen, wie es weitergeht, nachdem man einmal Bekanntschaft gemacht hat mit diesem „Problemandreas“, einem leicht autistischen Sonderling, der als Kind erst spät zu sprechen beginnt. Den Kindergarten boykottiert er, die Schule betritt er nur ungern und mit Angst. Lieber bastelt er stundenlang allein in den dunklen Kellern des Hauses, wenn der Vater und die älteren Geschwister weg sind und nur die Mutter bei der Hausarbeit zu hören ist - die klassische Rollenverteilung der siebziger Jahre.

          Auf der Schwelle zur Pubertät

          Das Anderssein war im letzten Band das prägende Grundgefühl. Überall eckte der Junge an. Geadelt war er dafür mit einem Empfindungsreichtum, den Maier mit allen Sinnen beschwor. Aus den Augen des staunenden, abseitsstehenden Kindes betrachtet, wirkte die Welt schon da wie aus den Fugen geraten, düster und mythisch.Jetzt sprengt Maier diese urwelthaften Dunkelräume der vorbewussten Empfindung auf. Seine Romanfigur Andreas ist mittlerweile ein Junge an der Schwelle zur Pubertät.

          Es zieht ihn zwar immer noch zu den kaputten Familien hin; der „heimeligen Gemütlichkeit“ glücklicher Familien misstraut er. Aber er wirkt doch beruhigend weltoffen. Und so gibt es viel zu sehen aus jenen achtziger Jahren „des vorigen Jahrhunderts“, einer fernen Epoche, die es zu erklären gilt. Es muss, glaubt man Maiers Zusammenschau, eine stark sexualisierte Epoche gewesen sein - nur dass niemand darüber sprach, vor allem nicht mit dem Jungen.

          Vor der Straße wurde gewarnt, vor der Familie nicht

          Plötzlich waren sie einfach da, die Krimis mit den Mordfällen, erst an jungen Frauen, dann sogar an jungen Mädchen, „es geschah offenbar einfach so“. Beim Spazierengehen traf man gelegentlich auf einen Exhibitionisten. Und weil die Polizei zu wenig Schutz bot, rotteten sich besorgte Väter zusammen „wie aus einem Schillerstück“ und bildeten bewaffnete Suchtrupps. Die Provinz sollte sauber und ordentlich bleiben.

          Wie Maier diesen kläglichen Selbstjustizapparat auftreten lässt, sagt viel aus über die Beschaffenheit der allgemeinen bundesdeutschen Kleinbürgerseele. Denn andererseits, heißt es, berührten die Väter ihre Töchter irgendwann mehr als nötig, und Mütter legten sich mit dem eigenen Sohn ins Bett, nur ein Nachthemd an, „stufenweise aufknöpfbar“. „Vor draußen und der Straße wurde stets gewarnt“, vor der Familie aber nicht. Und vor dem Einbruch der Wirklichkeit in den unschuldigen Pubertätskopf warnt einen ja sowieso keiner.

          Nähe zum Leser durch theatrale Energie

          Maier klagt nie an, er wertet kaum. Mit erzählerischer Lust und wenig Scham kriecht er unter diese bundesdeutsche Staubdecke und beschreibt einfach nur sehr deutlich, sehr unverblümt, sehr komisch, wie für den Jungen alles permanent rätselhaft ist. Als „Geheimnisträger“ benutzen ihn die drei Jahre ältere Schwester und deren Freundinnen bei ihren Doktorspielen. Der kleine Bruder muss „das Andere“ zeigen, während er selbst noch unbekümmert mit der Nachbarstochter spielt, ohne „vom Anderen“ überhaupt Kenntnis zu haben. Dann sind sie auch für ihn auf einmal unterscheidbar, „die zwei Geschlechter“, und er skandiert erstmals munter und laut das Wort „ficken“ beim Fahrradfahren, selbstvergessen und glücklich über das neu erklärte Wort. Schamhafte Leser werden bei Maiers unverblümtem Vokabular wohl an ihre Grenzen geraten.

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