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Andreas Maier: Das Haus : Wie er jetzt wieder so apathisch in den Toast beißt

Bild: Suhrkamp

„Das Haus“ ist Andreas Maiers Fortsetzung seiner Familiensaga aus der Wetterau. Hier macht sich der Erzähler auf die Suche nach der verlorenen Zeit der frühen Kindheit.

          Das Bild seiner Angst liegt vor dem Kind mit dem roten Lederranzen wie ein Gemälde von Brueghel. Es zeigt einen Schulhof mit Schülern, Lehrern und einem Schulhaus in einem Städtchen in der Wetterau Mitte der siebziger Jahre. Schon morgens im Bett ist der Junge wie gelähmt bei dem Gedanken an dieses Bild, und flehend hofft er, doch noch verschont zu werden und nicht hineingehen zu müssen in das Gemälde, weil alles nur ein schlimmer Traum war, eine Täuschung. Doch dann klingelt wie jeden Morgen um sieben der Wecker, und der Countdown beginnt, der den Kloß im Hals des Jungen mit jeder Minute größer werden lässt, bis schließlich die Schulglocke den letzten Akt in diesem frühmorgendlichen Drama einläutet.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Erinnerungen von Andreas Maiers Ich-Erzähler an die eigene Schulzeit beschreiben ergreifend und erschütternd ein kindliches Martyrium, das den Erwachsenen die meiste Zeit verborgen bleibt. Und wenn die Vielbeschäftigten es doch einmal bemerken und helfen wollen, reagieren sie meist überfordert auf das verstörte Kind, das all ihren Konventionen so entgegensteht. Die anderen Schüler freilich nehmen erst recht keine Rücksicht, im Gegenteil. Andi hat schon verloren, noch ehe er auf dem Pausenhof jeden Morgen aufs Neue um seinen Platz in der Hackordnung kämpfen muss. Er wird gehänselt und ausgelacht, geknufft und geschlagen. Zwischen den rauchenden Berufsschülern, die gegen den Jüngeren hetzen, und der hilflosen Pausenaufsicht irrt der Schüler über den Schulhof wie ein aus der Bahn geworfener Satellit: „Manchmal suchte ich Hilfe, indem ich durch das Tor des unteren Schulhofs auf die Straße hinauszutreten versuchte, um mich dort von einem Automobil überfahren zu lassen. Aber auch dort stand eine Aufsicht und achtete streng drauf, dass keines der Kinder das Schulgelände verließ.“

          Der erste und einzige Tag im Kindergarten ist ein Schock

          Die Vertreibung aus dem Paradies der frühesten Kindheit, die Andreas Maier in seinem heute erscheinenden Roman beschreibt, könnte drastischer kaum ausfallen. Selten hat man den Verlust so glaubhaft aus kindlicher Perspektive erzählt bekommen. Es folgt einer zwingenden Logik, dass „Das Haus“ auch strukturell in zwei fast gleichlange Hälften fällt, die mit „Drinnen“ und „Draußen“ überschrieben sind, wobei die räumliche Dimension hier eng mit der zeitlichen verzahnt ist. Im ersten Teil beschwört der Ich-Erzähler die ersten Jahre seines Lebens als eine Zeit des unbeschwerten, einfachen Glücks, freilich in dem Bewusstsein, dass er sich nicht selbst an die Momente erinnert, sondern sie nur aus den Überlieferungen der Familie kennt. Wie unzuverlässig diese als Erzählstimme ist, macht ihm als Erwachsenem dann zu schaffen: „Vielleicht bin ich anders aufgewachsen, als es die lieblichen Anekdoten erzählen.“

          Die frühen Jahre verbringt er oft an der Seite seiner Urgroßmutter Else, weil der Vater gerade Abteilungsleiter bei der Henninger Bräu AG in Frankfurt geworden ist und die wenige freie Zeit dem politischen Engagement widmet, während die Mutter nach dem Tod ihres Vaters den familieneigenen Steinmetzbetrieb übernommen hat. Else schiebt den Kinderwagen durch den Solgraben, sie füttern Enten am Teich und atmen die salzige Bad Nauheimer Luft. Während Andis Eintritt in die Welt unkompliziert gewesen sei, wie die Familienlegende berichtet, die Geburt ohne Komplikationen und bei schönem Wetter verlief und der Säugling in den ersten Wochen sein „sonniges Gemüt“ präsentierte, kündigt sich das Drama des hypersensiblen Jungen schon mit dem Kindergarten an. Einen einzigen Tag lang hält Andreas es dort aus, das traumatische Erlebnis, das ihn unter Schock setzt, wird ihn sein Leben lang immer wieder heimsuchen: „Sie waren schnell, und sie handelten nach Gesetzen, die mir völlig verschlossen blieben. Diese Menschen waren eine Gruppe. Diese Gruppe funktionierte nach Regeln, die ich nicht kannte und die ich bis heute nicht kenne.“

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