04.03.2009 · Nach den Bestsellern „Tannöd“ und „Kalteis“ war der Erwartungsdruck groß, der auf Andrea Maria Schenkels neuem Buch lastete. Die Autorin blieb ihrem Genre treu, doch eine bestechende Geschichte wurde nicht daraus.
Von Hannes HintermeierEin Mann beobachtet eine Frau in der gegenüberliegenden Wohnblockwohnung. Er kundschaftet ihre Wege aus, er sieht sie nackt. Dann bricht der Mann in ihre Wohnung ein, stiehlt ein Jugendbild; kurz darauf entführt er sie von der Arbeitsstelle weg in eine alte Mühle im Wald. Dort ist der Mann selbst als Heranwachsender von einem Vatertyrannen deformiert worden, was er mit der Ermordung desselben quittierte.
Dafür wiederum wanderte der Mann ins Gefängnis, weshalb er nach Verbüßung der Haft mit endgültig gebrochener Seele das Leben des Vaters nachzuleben begann. Die Frau weiß all das nicht, noch nicht einmal, warum sie entführt wurde. Woraus sie schließt, es habe mit dem Tod ihres Bruders zu tun, dessen möglichen Mörder - den Dorfdeppen Hans - sie denunziert hatte. Weswegen sie den Entführer als „Hans“ anzusprechen beginnt, weil sie glaubt, die Stunde der Abrechnung sei gekommen.
Klinische Vorgeschichten
So vertrackt und gleichzeitig vorhersehbar geht es zu in der fiktiven Abgrundwelt der Andrea Maria Schenkel: ein astreines Stockholm-Syndrom mit den passenden klinischen Vorgeschichten der beiden Protagonisten, bis hin zu dem Umstand, dass beide die Mutter verloren haben. Erzählt wird hauptsächlich aus den Perspektiven von Täter und Opfer, eine weitere Ebene schildert den Abtransport einer schwer verletzten Person durch Notärzte und die anschließende Operation in allen Details.
Selbstredend ist die Täter-Opfer-Unterscheidung viel zu plump. Denn Opfer sind sie beide, das wird im Lauf der hundertzwanzig schlanken Seiten zügig klar. Auch die entführte Monika hat Gewaltphantasien, und sie hat diese in ihrer Kindheit gelegentlich ausgelebt - indem sie ihren ungeliebten kleinen Bruder Joachim, der ihr nun im Bunker als Traumgesicht erscheint, brutal gezüchtigt hat, weil er ihr Geld gestohlen, ihr Sparschwein zertrümmert hat.
Diesmal kein historischer Stoff
Sie will den Entführer aus der Reserve locken, mit Unterwürfigkeit, Verführungsangebot, Selbstverstümmelung. Aber das funktioniert nicht. Der Mann gibt nicht zu erkennen, warum er sie entführt hat. Will er an den Safe ihres Arbeitgebers, eines dubiosen Gebrauchtwagenhändlers? Oder will er einfach eine Frau in jenes Zimmer sperren, in das der Vater die Mutter sperrte, bis sie sich dort erhängte? Nach Fluchtversuchen und Delirium - alles durchaus deftig beschrieben - beschließt Monika, „Hans“ dazu zu überreden, ihren Chef auszurauben. Sie lockt ihn mit einem Anruf und sexuellen Angeboten in den Wald. Dann entgleist die Chose endgültig.
Nach den Bestsellern „Tannöd“ und „Kalteis“ ist der Erwartungsdruck erheblich, auch wenn das Genre einen geräumigen Magen hat. Die Autorin betritt also in ihrem dritten Buch insofern Neuland, als sie keinen historischen Stoff verarbeitet. Was nicht heißt, es sei eine schriftstellerische Entwicklung erkennbar. Denn Andrea Maria Schenkel bleibt ganz eng bei ihrem Leisten, und der ist vor allem sprachlich ein ausgetretener Hausschuh. Dabei betont die Autorin immer wieder, ihr sei es hauptsächlich um die Sprache und weniger um das whodunit zu tun. Und hat nicht auch die Kritik diesen Lakonie-Telegrammstil über Gebühr gepriesen?
Naivität der Figurenrede
Denn Schenkel hat sich tatsächlich wegen dieses eigentümlichen Tons etabliert, dessen Missklänge offenbar allzu gern überlesen werden. Radikale Verknappung haben Autoren wie Hammett und Chandler schon vor siebzig und mehr Jahren besser vorgeführt, sprachliche Präzision sowieso. Das liest sich in „Bunker“ dann so: „Und wieder werde ich aufgesogen von einer schwarzen Leere, werde hineingezogen in das Nichts. Weit weg sehe ich ein Licht, wie am Ende des Tunnels. Ich laufe dem Licht entgegen. Das Licht wird größer, heller, es verdrängt das Dunkel. Ich bin in einem Raum, ich kenne ihn.“
Im Register, in den umgangssprachlichen Ausdrücken regiert die Unentschiedenheit zwischen süddeutschen Wörtern wie „Zudecke“, norddeutschen wie „Schnürsenkel“ und Eigenprägungen wie „Fetz“. Wenig bezwingend auch die Frage- und Ausrufezeichenseligkeit - bis zu achtzehn Stück auf einer Seite. Am schwersten wiegt aber die unerträgliche Naivität der Figurenrede. Opfer wie Täter müssen ohne Empathie von Seiten ihrer Autorin auskommen. Das macht sie zu Papiertigern, die zwar Blut vergießen, aber eben Kriminaltheaterblut. Oder was soll man von einem Entführer halten, der so mit sich selbst spricht: „Verdammter Mist! Jetzt hab ich eine Schwerkranke am Hals. Ich hätte das Ganze besser planen sollen. Ich hocke ganz schön in der Scheiße!“