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: An der Grenze der Jugend

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Académie française, nouveau roman, Bernard Pivot: Lange galt Frankreich als das Land, wo man Sprache und Literatur eine größere Bedeutung zumißt als irgendwo sonst in Europa - abgesehen vielleicht von Island. Literarische Neuerscheinungen, so hieß es, würden in unserem Nachbarland vor allem in Hinblick auf ihre formale Raffinesse diskutiert.

          Académie française, nouveau roman, Bernard Pivot: Lange galt Frankreich als das Land, wo man Sprache und Literatur eine größere Bedeutung zumißt als irgendwo sonst in Europa - abgesehen vielleicht von Island. Literarische Neuerscheinungen, so hieß es, würden in unserem Nachbarland vor allem in Hinblick auf ihre formale Raffinesse diskutiert. Damit scheint es seit ein paar Jahren vorbei zu sein. Was zuletzt an französischer Literatur für Furore sorgte, tat dies vor allem wegen inhaltlicher Sensationen: Da listen Autorinnen minutiös die Details ihres bewegten Sexuallebens auf, da muß der erste Roman über den elften September unbedingt aus Frankreich kommen. Und wenn Michel Houellebecq als großer Aufreger gefeiert wird, dann gewiß nicht wegen seines Stils.

          Von Houellebecq könnte sein deutscher Verlag mit Recht behaupten, daß er sich "an Themen heranwagt, die die deutschsprachige Literatur meist ausspart". Doch nicht das jüngste Werk des Erfolgsautors wird von DuMont mit diesen Worten angepriesen, sondern das Romandebüt "Wildlinge" von Benjamin Berton, der bei Erscheinen des französischen Originals im Jahr 2000 erst sechsundzwanzig Jahre alt war und von dem in Frankreich inzwischen bereits zwei weitere Bücher vorliegen.

          Der Anfang des Romans entspricht dieser Erwartung gewagter Thematik nur allzusehr: "Für Geld mit alten Belgierinnen zu schlafen, das ist keine Schande." Doch bleibt das später nicht wiederaufgegriffene Thema der gelegentlichen Amateurprostitution unter der nordfranzösischen männlichen Landjugend bereits das provokanteste Element der Handlung. In deren Mittelpunkt steht der zu Beginn des Romans fünfzehnjährige Jessy, genannt Mémé. Was er und seine Freunde Frantz und Kamel nahe der belgischen Grenze erleben, ist meistens nicht allzu spektakulär.

          Für kurzzeitige Aufregung kann im Dorf das Auftauchen eines Exhibitionisten oder das Auffliegen eines von Schülern organisierten Handels mit raubkopierten CDs sorgen. Ansonsten wird der Alltag strukturiert durch Schule, Fußball, das Schwimmbad im Sommer, Dorffeste mit Besäufnissen (an denen sich nur der algerischstämmige Kamel aus religiösen Gründen nicht beteiligt) sowie das eifrige Sammeln sexueller Erfahrungen - keineswegs vorrangig mit alten Belgierinnen.

          Episoden aus Mémés Leben wechseln sich mit Geschichten von anderen, nicht nur jugendlichen Dorfbewohnern ab. Der Autor, der natürlich selbst aus der Region stammt, porträtiert dabei sein Provinzpersonal stets mit Ironie, aber nicht ohne Sympathie. Wirkliche Individualität gewinnt allerdings nur Mémé, mit seiner Leidenschaft für alles, was mit Fischen zusammenhängt, mit seiner Sehnsucht nach dem früh verstorbenen Vater, einem Gewerkschaftsfunktionär, und wenn er schließlich, nach dem Sex, auch die Liebe kennenlernt: "Maud gab ihm einen ersten Kuss. Ihm wurde klar, dass der anders war als sämtliche anderen Küsse, die er in der Vergangenheit bekommen hatte. Exakt in diesem Moment fiel ihm ein Wassertropfen in den Kragen des T-Shirts, und ihn durchlief ein Schauer, den er dem Mädchen zuschrieb."

          Und wo sind die Themen, die die deutschsprachige Literatur meist ausspart? An Pubertäts- oder Adoleszenzgeschichten wagen sich hiesige Autoren nun wirklich nicht selten heran; und auch die Provinz kommt, neben den vielen sogenannten Berlin-Romanen, bei uns durchaus zu ihrem Recht. Sucht man in "Wildlinge" nach Unterschieden zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, so wird man kaum bei den Themen fündig, eher bei der Haltung. Denn diese ist so forciert sozialkritisch, wie es sich deutsche Autoren, aus Angst vor dem Verdikt, man schreibe "engagierte" Literatur, zur Zeit tatsächlich kaum trauen. Berton hingegen findet nichts dabei, den Lesern ständig vor Augen zu führen, daß sein Buch in einer Region mit sterbender Industrie und hoher Arbeitslosigkeit spielt, welcher Gesellschaftsschicht die jeweiligen Personen angehören und welche Auswirkungen das auf ihr Leben hat. Dabei schreckt er vor direkten Erzählerkommentaren nicht zurück.

          Erstaunlicherweise weckt das dennoch kaum je das Bedürfnis, dem jungen Autor zu raten, den Holzhammer einzupacken und sich mehr auf seine erzählerischen Mittel zu verlassen. Die auktoriale Distanz der kommentierenden Einschübe ist nämlich gut austariert mit gelegentlichen Annäherungen an Jargon und Sichtweise der Jugendlichen und mit Passagen von großer poetischer Zartheit, etwa bei Landschaftsschilderungen oder wenn dem betrunkenen Mémé sein verstorbener Vater erscheint. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Stilebenen und Erzählhaltungen vollziehen sich fließend und wirken durchaus folgerichtig. Lediglich auf die beiden halbsatirischen Anhänge "Das Departement Nord" und "Über die Fische" ließe sich gut verzichten; ebenso auf das vorangestellte Gedicht mit dem pompösen Titel "Ode an Frankreich".

          Benjamin Bertons Roman, von Hinrich Schmidt-Henkel elegant übersetzt, erweist sich somit als Bereicherung der französischen Gegenwartsliteratur oder dessen, was wir hierzulande von ihr wahrnehmen: ein bemerkenswert stilsicheres Debüt jenseits aller Sensationshechelei.

          HARDY REICH

          Benjamin Berton: "Wildlinge". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont Verlag, Köln 2005. 220 S., geb., 19,90 [Euro].

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