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Amos Oz: Unter Freunden : Liebe deinen Nächsten, wenn er dich lässt

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Bild: Suhrkamp Verlag

Als Israel noch jung war: In acht Geschichten beschreibt Amos Oz das Leben im Kibbuz als Schule der Entbehrung, in der das Kollektiv stets mehr zählt als alle Sehnsüchte des Einzelnen.

          Der Klempner Boas hat seine Frau Osnat, die in der Wäscherei arbeitet, für Ariela, die Kuratorin des Kulturausschusses, verlassen. Osnat schreibt Ariela daraufhin einen Zettel, auf dem sie die von Boas einzunehmenden Medikamente auflistet, ein Akt der Fürsorge im Gewand der sachlichen Mitteilung. Doch der Welle an Zuneigung und Vertrauen, die Ariela ihr daraufhin entgegenbringt, kann Osnat nur mit Schweigen begegnen. Der Gärtner Zvi, ein Junggeselle mittleren Alters, weiß stets über Erdbeben, Flugzeugabstürze und Überschwemmungen Bescheid. Mit den Katastrophenmeldungen lenkt er ab von seiner Menschenscheu. Doch als er sich behutsam mit Luna, der verwitweten Lehrerin, anfreundet, ist Zvis Angst davor, berührt zu werden, stärker als der Wunsch nach Nähe.

          All diese Menschen leben im fiktiven Kibbuz Jikhat und werden durch ihre Aufgaben im Dienst des Kollektivs definiert. Es sind die fünfziger und sechziger Jahre, Aufbruchs- und Aufbauzeit des noch jungen Staates Israel. Doch schon zeigt sich, dass die Ziele der Gemeinschaft und die individuellen Sehnsüchte oft weit auseinanderliegen. Der Junge Mosche, der als Halbwaise in die Gemeinschaft kommt, begreift durch seine einsamen Lektüren in der Bibliothek, „dass die meisten Menschen mehr Zuneigung brauchten, als zu finden war“. Von diesem existentiellen Mangel und seinen Folgen erzählt Amos Oz in seinem neuen Buch.

          Scheu vor der Berührung

          “Unter Freunden“ versammelt acht scheinbar einfache Geschichten von scheinbar einfachen Menschen in einer scheinbar schlichten Sprache. Doch da es sich um ein Werk des großen israelischen Schriftstellers handelt, verbirgt sich in jedem Kiesel ein Kleinod. Das Gewöhnliche ist immer auch das Besondere, denn es sind gerade nicht die lärmenden Dramen, sondern die stillen Gesten, denen das Augenmerk dieses Autors gilt. So schaut er zum Beispiel auf die siebzehnjährige Edna und ihren Vater, den vorsichtigen, zurückhaltenden Elektriker Nachum, der nicht weiß, wie er seiner Verstörung und Scham darüber Ausdruck geben kann, dass sein Altersgenosse David Dagan, der Lehrer und Charismatiker des Kibbuz, seine Tochter verführt hat. Solange Edna und er denken können, waren Vater und Tochter „stillschweigend übereingekommen, Gefühle nicht zu berühren und auch einander nicht zu berühren“. Als Nachum endlich die Konfrontation mit David wagt und ihm dieser unter Freundschaftsbeteuerungen „die breite Hand auf die Schulter legt“, ahnt man, dass der schüchterne Mann seinen Mut umsonst zusammengenommen hat.

          Die Scheu vor der Berührung ist ein Leitmotiv dieses Buches. Jeder in Jikhat sehnt sich nach Nähe, doch kaum einer wagt es, sie unter den Argusaugen des Kollektivs zu suchen. Die Prinzipien des Kibbuz, Abhärtung, Disziplin und Pflichterfüllung, dulden keine Weichheit.

          Keine Geborgenheit im Kibbuz-Kollektiv

          Für Amos Oz war der Kibbuz in vielfacher Hinsicht prägend. Als Fünfzehnjähriger verließ er seine Familie im Jerusalemer Einwandererviertel Kerem Avraham und zog in den Kibbuz Hulda. Dort tauschte er seinen Geburtsnamen Klausner gegen Oz, den hebräischen Ausdruck für Kraft und Stärke. Nach dreijährigem Wehrdienst und dem Studium in Jerusalem kehrte er 1963 nach Hulda zurück. Erst Mitte der achtziger Jahre verließ er den Kibbuz und zog mit seiner Familie nach Arad in die Negev-Wüste. In seinem großen autobiographischen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ hat sich Oz auch an seine Jahre als Kibbuznik erinnert. Jetzt eröffnet uns sein Lupenblick ein Panorama, in dem jedes einzelne Schicksal exemplarische Gültigkeit besitzt. Insofern bilden die lose verbundenen Kibbuz-Porträts von „Unter Freunden“ ein eindrucksvolles Pendant zu den Dorfgeschichten aus dem fiktiven Tel Ilan, in denen der Schriftsteller 2009 ebenfalls scheinbar beiläufige Begebenheiten zu einem Kosmos der israelischen Gesellschaft fügte.

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