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Amos Oz: Geschichten aus Tel Ilan : Konzentrat eines Lebensgesprächs

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Bild: Verlag

Geschichten aus dem Dorf Israel: Amos Oz entwirft in seinem neuen Buch ein Porträt seines Landes im Miniaturformat. Die Verluste und Verunsicherungen der Bewohner Tel Ilans stehen für die Erfahrungen vieler Israelis.

          Tel Ilan ist ein Dorf in der israelischen Provinz. Genauer: es ist ein von Amos Oz ausgedachtes Dorf, eher also ein Laboratorium. Tel Ilan hat einen Bürgermeister, Gemäuer aus der Gründerzeit, kleinere Häuser, die an Zypressen grenzen. Es ist umgeben von Obstgärten und Plantagen, Weinbergen und langen Reihen von Mandelbäumen. Im Zentrum gibt es seit einiger Zeit neue Boutiquen, die am Schabbat Fremde anziehen und das abgelegene Nest für ein paar Stunden beleben. Nachts heulen die Schakale. Tagsüber trifft man sich zufällig im Gedenkpark oder in der kleinen Bibliothek und plaudert. Zum Beispiel über den neuen israelischen Roman, der gerade in aller Munde ist. „Meiner Meinung nach wiederholt er sich“, sagt eine Leserin; und die geduldige Bibliothekarin hält etwas pathetisch dagegen: „Es gibt Themen und Motive, zu denen ein Autor immer wieder zurückkehrt, weil sie der Wurzel seiner Seele entstammen.“

          Amos Oz ist im vergangenen Mai siebzig geworden. Und wenn es etwas gibt, zu dem er in seinen Werken immer wieder zurückkehrt, ist es – neben Israel – die Familie. Man liebt, streitet, überzeugt. Oz hat großartige Rhetoriker geschaffen. Die Menschen in den Geschichten aus Tel Ilan haben eine andere Energie. Sie sprechen leiser, haben sich im Dorf eingerichtet, fast wie in einer Großfamilie, bei der man oft auch nur die Rahmendaten vom anderen weiß, ohne dass die Zugehörigkeit deswegen schwächer wäre.

          Wenn die Fundamente wackeln

          Nur manchmal, wenn der Tag zu heiß ist, wenn die moderne Zeit ihre Krakenarme nach ihnen ausstreckt, lässt es sich nicht mehr verhehlen: Jemand wühlt in der Erde unter diesen Menschen. Vornehmlich nach Mitternacht – wie in der Erzählung „Graben“. Rachel, eine alleinstehende Lehrerin, die mit ihrem griesgrämigen Vater am Dorfrand wohnt, hält das Geräusch zunächst für Hirngespinste des Alten. Irgendwann jedoch hört sie es selbst und begibt sich auf die Suche. Unmerklich überschreiten diese mit ruhiger Hand komponierten Erzählungen das, was noch eben vorstellbar erscheint. Dann hört die Geschichte aber auch schon auf. Und das ist viel beklemmender, als wenn Amos Oz das phantastische Element überstrapazieren würde.

          Die schwebende Stimmung dieser Prosastücke beruht auf einer ganz bestimmten Reihung von Wahrnehmungseindrücken. So auch in der zentralen Geschichte des Bandes: Jossi ist Immobilienmakler im Dorf. Schon lange will er das alte Haus einer Witwe erwerben, das dann einem schicken Neubau Platz machen soll. Eines Nachmittags macht sich Jossi auf den Weg. Unterwegs taucht eine fremde Frau wie aus dem Nichts auf und mustert ihn „mit einem scharfen, durchdringenden, fast feindseligen Blick“. Dann ist sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, und Jossi beschleicht das Gefühl, „daß etwas nicht in Ordnung war“. Auf einer Bank sieht er verlassen ein schweres Paket liegen; vor dem Park den Bürgermeister scheinbar „in eine geheim anmutende Besprechung“ vertieft. Die Dunkelheit bricht herein, und auch als die Straßenlaternen angehen, weichen die Schatten nicht zurück, „sondern drehten sich in dem leichten Wind, der die Baumwipfel erzittern ließ, als würden sie von einer unsichtbaren Hand durcheinandergewirbelt“. Am Haus angekommen, quietscht das Tor „bösartig“, und nach zweimaligem Klopfen öffnet ihm Jardena, die Tochter, die aus der Stadt angereist ist, um hier in Ruhe an ihrer Seminararbeit zu schreiben. Sie bittet Jossi, den sie aus Kindertagen kennt, hinein. Und es beginnt ein zeitloser Abend, mit Gesprächen, einem Rundgang durchs Haus, Wiegenliedern und Barfußtanz, der in den Kellern endet: Jossi sitzt selig im Rollstuhl des verstorbenen Hausherrn. Jardena tanzt davon – und schließt die Tür.

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