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Roman von Amélie Nothomb : Einer muss sich opfern

So ein Anwesen will unterhalten werden: Schloss Beloeil in Belgien Bild: Picture-Alliance

Amélie Nothomb treibt belgische Aristokraten elegant zur Verzweiflung: Das Schloss ist marode, aber die Gartenparty steht bevor – da kommt eine tödliche Weissagung ungelegen.

          Der Graf Neville ist ein glücklicher Mann. Das merkt man allein daran, dass es niemanden in seinem Umfeld gibt, den er gerne erschießen würde. Aber gut, er ist eben eine Romanfigur, da mag das vorkommen. Dafür hat der Graf Geldsorgen, so wie alle anständigen Adeligen mit einem feudalen Schloss, das würdevoll zerbröckelt, und Sorgen um seine schwierige jüngste Tochter. Ein Setting, das in seiner bodenständigen Noblesse noch besser zu Amélie Nothomb passt als dieses, hätte die Autorin kaum finden können.

          Dass auch ihre eigene Familie früher ein Schloss zu unterhalten hatte, erwähnt sie selbst im Roman: „Die Nothombs verkauften ihr Schloss Le Pont d’Oye“, heißt es nebenbei, als der Graf darüber sinniert, wie viele Bekannte sich ihre Behausungen nicht mehr leisten können. Es handelt sich dabei tatsächlich um das Schloss in der belgischen Provinz Luxembourg, das ihr Vorfahr Pierre Nothomb 1932 kaufte und zur Begegnungsstätte für Künstler machte. Diese Bestimmung hat sich erhalten, doch das Schloss gehört der Familie nicht mehr.

          Bild: Diogenes Verlag

          So soll es auch den Nevilles mit ihrem Château du Pluvier bald ergehen. Zuvor aber plant der Graf seine alljährliche Gartenparty. Aber seine Tochter Sérieuse (so hätte Thomas Mann sie wohl auch genannt) landet zuvor durch eine seltsame Verkettung von Umständen bei einer Wahrsagerin, und als der Vater sie abholt, bekommt er prophezeit: Er werde auf seiner Party einen Gast töten.

          Das stürzt ihn in entsetzliche Nöte. Vor allem, weil er sich auf seine Qualitäten als Gastgeber so viel zugutehält. Er möchte die Wahl des Opfers keinesfalls dem Schicksal überlassen, also muss jemand gezielt sterben. Aber wer?

          Die Suche nach einem potentiellen Opfer gestaltet sich überaus amüsant. Der Graf erkundigt sich etwa bei seiner Gattin, wen sie denn so gar nicht leiden könne. „Letzten Monat bei den Wouters besaß Charles-Édouard van Yperstal die Unverschämtheit, mir zu sagen, dass ich immer noch schön sei“, antwortet sie. Brigitte Große hat diesen und andere wundervolle Sätze mit einer großen Leichtigkeit übersetzt, die der Eleganz der französischen Vorlage absolut gerecht wird.

          Immer noch schön – es wurden Leute wahrhaftig schon für weniger zur Rechenschaft gezogen. Aber es findet sich kein geeigneter Kandidat, bis Sérieuse sich anbietet. Sie empfinde seit Jahren nichts mehr, der Tod komme ihr gelegen. Es folgen zähe Verhandlungen mit dem Vater, die die schriftstellerische Qualität von Amélie Nothomb fassbar machen: Der Gedanke, die Tochter zu erschießen, wirkt beim Lesen kaum absonderlich. Einer muss ja nun sterben, und der Ruf der Familie darf nicht über Gebühr leiden.

          Man hofft, dass Amélie Nothomb niemals auf den Gedanken kommt, eine Sekte anzuführen. Jeder, der ihrem feinen Witz erliegt, würde ihr in allem folgen. Zum Glück bleibt ihr beim enormen Output von einem Roman pro Jahr kaum Zeit für eine Zweitkarriere als Sektenguru. Sie möge also immer so weiterschreiben: Die Literatur profitiert von ihrer charmanten Überzeugungskraft.

          Amélie Nothomb: „Töte mich“. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Diogenes Verlag, Zürich 2017. 112 S., geb., 20 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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