25.09.2004 · Jutta Richters stille Novelle über Mütter, Tod und Freundschaft
Darf man Kindern mit Naturbeschreibungen kommen? Legen sie nicht sofort ein Buch aus der Hand, das mit der Schilderung von den Farben und der flirrenden Energie eines Sommers beginnt? In aller Ruhe läßt Jutta Richter das Kind Anna von ihrem "Hechtsommer" erzählen. Sofort entsteht eine Stille und eine Tiefe wie die Stille und Tiefe des Teiches, in dem unten im schwarzen Wasser der Hecht steht, der am Ende tot sein wird. Auch diese Schwärze und die Endlichkeit ist in den ersten Sätzen schon hörbar, die Anna mit leiser, unprätentiöser Stimme äußert, sonnensatt und schmerzerfüllt, als ruhe das Gewicht dieses unerhörten Sommers auf ihr wie der Druck des Wassers auf dem Hecht tief unten. Ja, man darf. Jutta Richter läßt Anna die Natur beschreiben, weil sie verwoben ist mit dem Erleben - und dem Sterben - dieser Zeit. Keiner legt das Buch aus der Hand.
Sie leben alle auf einem Wasserschloß: Anna mit ihrer Mutter und quer über den Hof ihr bester Freund Daniel mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder Lukas. Seit Anna denken kann, leben sie so zusammen als Pächter des Schloßgrafen, wie in einer vergrößerten Wohngemeinschaft. Jutta Richter traut dem Leser zu, sich selbst ein Bild zu machen von diesem Zusammenleben, ohne die jugendbuchnotorische Vorstellungsrunde der Personen und des "Problems". An einem heißen Tag im Mai kommt man hinzu und ist mittendrin. Die kleinen Querelen Annas mit ihrer Mutter, die ihr oft nicht mütterlich genug ist und die sie trotzdem sehr klaräugig liebt; die Feindseligkeiten mit dem Schloßverwalter oder mit den Kindern aus der Schule; vor allem Daniels fieberndes Verlangen, den Hecht zu fangen, obwohl Angeln im Schloßteich streng verboten ist - all das steht sofort als Alltagsbild vor Augen.
Ein halbidyllisches Alltagsbild, sonnenbeschienen, in das allmählich ein Schatten einsickert. Von den Kindern ist es Anna, die ihn zuerst bemerkt; doch Daniel trägt am schwersten daran. Die Erwachsenen warten lange damit, den Kindern die Wahrheit zu sagen und das Wort "Krebs" auszusprechen. Und dann fängt Gisela, die Mutter von Daniel und Lukas, an zu entschwinden.
Das ist vielleicht das Mutigste, was Jutta Richter in diesem konzentrierten Roman tut: das Bild der sterbenden Frau langsam verblassen zu lassen, auch für die Kinder. Einmal schreit Daniel es verzweifelt in Großbuchstaben heraus: "ICH WILL DAS NICHT!", und damit ist alles gesagt. Daneben ist das Unbehagen der Kinder, Ekel sogar, namenlose Schuldgefühle. Andere Kinderbücher über den Tod heben oft die Bedeutung des Menschen hervor, den man verliert; gerne heißt es da, er ginge nicht richtig fort, solange man an ihn denke. Hier aber konzentriert sich Anna auf die Verbleibenden und nimmt sich etwa das Recht heraus, auch mit einer gesunden Mutter Kummer zu haben. Sie läßt Gisela los. Das ist erschreckend unsentimental, aber wahrhaftig. Genauso wahrhaftig ist es, die Gottesfrage der Kinder offenzulassen. Jutta Richter hat zuvor schon über Gott geschrieben, Texte, die "poetisch" genannt wurden, aber zuweilen ein wenig blumig waren. Erst mit diesem, in dem die Frage, ob es einen Gott gibt, zwischen den Zeilen leise und hilflos mit dem Satz "Wir wissen es nicht" beantwortet wird, ist ihre Sprache präzise und ernst, dicht und wunderschön geworden.
Anna läßt sich Zeit mit dem Erzählen, immer wieder gibt es Einschübe, denen man geduldig folgt. Der innere Druck hinter dieser unverwandten Stimme erlaubt kein Abschalten. Nur an wenigen Stellen zieht Jutta Richter das Tempo an oder bemüht starke, ungewohnte Bilder. Etwa die Erbsen auf den Wangen der Brüder, nachdem sie die Gesichter in ihre Suppenteller gelegt haben, weil sie keine Kraft mehr hatten, das Unerträgliche zu ertragen; oder das Erdbeereis, das Anna wie ein Messer zwischen die Augen des Mädchens stößt, das es wagt, über die Vorgänge auf dem Schloß herzuziehen. Essen im Gesicht, eigentlich das einfallsloseste aller Slapstick-Klischees und ein zuverlässiger, billiger Lachreiz, wird zum Sinnbild für Liebe, Verzweiflung oder Haß. Nie ist man weiter vom Kichern entfernt als hier. Am Ende scheint die Sonne weiter, als wäre nichts geschehen. Doch dieser "Hechtsommer" wird bei seinen Lesern noch lange nachleuchten.
MONIKA OSBERGHAUS
Jutta Richter: "Hechtsommer". Hanser Verlag, München 2004. 123 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 11 J.