Home
http://www.faz.net/-gr4-skfn
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Als dunkle Götter schwer in Mode waren

13.05.2006 ·  Anmutige Affären: John Updikes Roman "Landleben" feiert die amerikanische Frau der sechziger Jahre

Artikel Lesermeinungen (1)

John Updikes siebzigjähriger Held Owen träumt, er sei Gastgeber einer Party, auf der alle Frauen Porzellankleider tragen, "steife Panzer mit glänzenden modellierten Rändern, als wären sie Figurinen aus dem achtzehnten Jahrhundert". Was seinen Neid erweckt und ihn gleichfalls, doch vergeblich, in seinem Schrank nach einem Porzellananzug suchen läßt, ist die Anmut, die im Kontrast zur "starren Keramik" die weichen Arme der Frauen entfalten. Es sind Frauen der sechziger Jahre, die in seinen Träumen wiederkehren, eine Generation, die den Anstand wahrte, heiratete, Kinder gebar und unter der Oberfläche kleinstädtischer Korrektheit neue Freiheiten entdeckte.

Sie stehen im Zentrum des Romans "Landleben", der sich um Owens Affären und die langsame Zersetzung seiner Ehe dreht. Seine Geliebten hat die sexuelle Revolution gerade insoweit erreicht, als sie den Seitensprung suchen, und doch davor verschont, sich einen Mann als bloße Sättigungsbeilage zuzulegen. Diese Frauen machen den Anfang, nehmen Kontakt mit Owen auf, ziehen über seine Ehefrau her und spielen beim Tête-à-tête doch archetypische Rollen. "Sie sah aus, als wäre sie einem Comic entsprungen", heißt es von einer, "und Owen hatte immer eine Schwäche für Comics gehabt."

Seine erste, kindliche Berührung mit der Welt des Sexus ist eine Bleistiftzeichnung an einer Schuppenwand, die die gespreizten Beine einer nackten Frau ohne Kopf und Extremitäten zeigt: "Der Künstler erachtete dies alles als unwesentlich. Die wesentlichen Teile der Frau waren dargestellt, und irgend etwas regte sich in Owens Unterleib in Anerkennung dieser Wahrheit." In der Hochzeitsnacht mit Phyllis, der Tochter eines Harvard-Professors, vergräbt er seinen Kopf in das Laken, dem Zeugen der Entjungferung, doch die spröde Phyllis treibt ihm schnell solche kultischen Flausen aus. Sie hat mit ihm studiert und für die Familie eine Karriere als Programmiererin aufgegeben. Ihr fehlt das Rundliche und leicht Vulgäre, das für den aus biederen Verhältnissen stammenden Owen zum Liebesgenuß dazugehört.

Gleichgesinnte für den konzertierten Abstieg ins Reich der Biologie findet er erst, als Lyndon Johnson Präsident wird, die Bombardierung Vietnams befiehlt und darüber "alte Vorstellungen von Anstand und Mäßigung" dahinschmelzen: "Das polymorphe Leben lockte. Die dunklen Götter waren in Mode. Jeder sündigte, sogar die Regierung. In seinem Herzen beschloß er, ein Verführer zu werden."

Mit Faye, der ersten Frau, die Owen zwingt, sie anzurufen, erreicht Updikes Prosa einen neuen Aggregatzustand. Sie verläßt den Bereich der Bestandsaufnahme einer alternden, von Vergeblichkeiten interpunktierten Existenz und wird erregend originell und auf waghalsige Weise präzise: Ihre körperlose Stimme am anderen Ende der Leitung "hatte ein Altstimmentimbre, das ihm nie aufgefallen war, eine Cellofärbung, Gegenpol zu dem hohen Fledermausschrei ihrer Lache".

Updikes unkonventionelle Beschreibungskunst entspringt der moralischen Freiheit, und die, so lehrt uns "Landleben", verdankt sich dem sinnlichen Glück, das Owen nie so billig zu erkaufen hoffte wie die in den Sechzigern aus dem Boden sprießenden Hippiekommunen. Zwar wächst sein Selbstbewußtsein, als er mit einunddreißig die "Freiheit des Körpers" entdeckt, er spricht "fester und herzlicher zu seinen Kindern" und ist "der Welt insgesamt mehr zugetan". Doch seine Seitensprünge enden in Desastern, Faye macht ihre Affäre publik, und Owen wird für die Kleinstadtöffentlichkeit zu einem dubiosen Subjekt. " Nach seiner Militärzeit in Deutschland und einigen Jahren bei IBM in New York ist der junge Owen mit Phyllis nach Middle Falls, Connecticut, gezogen, wo er sich mit einem früheren Kollegen selbständig macht und als Pionier in der Softwarebranche zu Geld kommt. Updike parallelisiert sein Leben mit der heroischen Epoche der Informationsgesellschaft. Die Kreativität von Ingenieuren wie Owen, die sich ihre Nächte auf der Suche nach Problemlösungen um die Ohren schlagen, ermöglicht die Explosion des amerikanischen Kapitalismus. Owen kritisiert ihn als "Moloch" und spricht von einem Teufelspakt, der "Wunderwerke der Ingenieurskunst" in den Dienst eines "niedrigen Hungers" stellt. Doch Updikes Roman verrät, daß Erfindungskraft, zumindest die literarische, gerade von diesem niedrigen Hunger inspiriert wird.

Owens zweite Ehe funktioniert, weil beide Teile ihren triebhaften Egoismus ausleben dürfen. Und es ist gerade diese animalische Qualität, nicht das Ballett bürgerlicher Umgangsformen, was die Gesellschaft von Middle Falls zusammenhält. Owen sinniert über ein "Aderngeflecht der Stadt", durch das seine erotischen Phantasien eine Frau erreichen. Dieses Wurzelwerk gleicht dem Internet, in dem Owens berufliche Leistungen zu einem Boom der Pornographie beitragen. Sein Erwachsensein hat mit dem Bekenntnis zu einem sozialen Nährgrund zu tun, der ganz ohne den Dünger der Sittlichkeit auskommt. Zur makellosen Keramikfigur zu werden gelingt ihm erst im Alter, als er vor den Begierden seiner jüngeren Frau in den Schlaf flüchtet. Jetzt, wo die Fäden gekappt sind, begreift er sich als Marionette seiner Pheronome: "Das Geheimnis flieht. Das System stürzt ab", heißt es faustisch. Mit einem stumpfen Blick auf "schimmerndes Porzellan" versucht er vergebens, "den Weihnachtsglanz, die erregte metaphysische Dringlichkeit heraufzubeschwören", die den armseligen Dingen im Haus seines Großvaters innewohnten.

Was Updike vor bloßem Vitalismus schützt, ist sein patriotischer Glaube an die Souveränität des Kreativen. Er liegt der Klage zugrunde, daß die "Schwellenländer die Auto- und Textilindustrie dem amerikanischen Arbeiter gestohlen haben". Zur Kreativität zählen für ihn auch die romantischen Gefühle, durch die sich die menschliche Sexualität "über das unbewegte Kopulieren von Schafen und Eichhörnchen" erhebt. Geliebte werden verehrt, weil sie dem Verkehr "einen transzendenten Wert" verleihen. Die von ihrem ersten Ehemann getrennte Julia ist für den noch in seine Ehe verstrickten Owen "auf der anderen Seite des Roten Meeres" angekommen, "aufrecht und trockenen Fußes". Updikes Held folgt dieser weiblichen Mosesfigur und ist doch nicht in Gefahr, den Priester mit seinem Gott zu verwechseln. In Affären, so bekennt er am Ende, liegt, angesichts der dünnen Verteilung von Sex im Leben, eine "lobenswerte Wirtschaftlichkeit", die das "endlose Einander-ausgesetzt-Sein in der Ehe" elegant vermeidet. Für solches Lebensglück ist Owen, der viele biographische Züge mit seinem Autor teilt, zu früh geboren. Doch als beharrlicher Chronist zerschellender Träume kommt er noch immer gerade richtig.

John Updike: "Landleben". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Susanne Höbel und Helmut Frielinghaus. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 414 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2006, Nr. 111 / Seite 48
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen