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: Als die großen Brüder fehlten

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Zima ist eine aufmerksame Beobachterin: "Meine Mutter war stiller geworden. Vielleicht hatte sie vergessen, was sie sagen wollte, oder fand es nicht so richtig interessant." Amrars kleine Schwester erzählt auf liebenswert ehrliche Weise von den schweren "Jahren ohne Amrar". Das eigentlich problematische ...

          Zima ist eine aufmerksame Beobachterin: "Meine Mutter war stiller geworden. Vielleicht hatte sie vergessen, was sie sagen wollte, oder fand es nicht so richtig interessant." Amrars kleine Schwester erzählt auf liebenswert ehrliche Weise von den schweren "Jahren ohne Amrar". Das eigentlich problematische Thema dieses Romans über zwei politisch verfolgte Jugendliche und ihre Familie ist mit leichter Hand gestaltet. Man fühlt sich beim Lesen gut aufgehoben bei der niederländischen Autorin Joke van Leeuwen, die Zimas Geschichte zusammen mit Malika Blain aufschrieb. Durch ihr Engagement bei amnesty international lernte Joke van Leeuwen die junge Marokkanerin kennen, deren zwei Brüder jahrelang als politische Gefangene inhaftiert waren. Aus den Berichten der Familie entstand dieses ungewöhnliche Buch.

          Im Casablanca der sechziger Jahre, der Zeit der Studentenunruhen, verteilen Zimas ältere Brüder Amrar und Mehdi Flugblätter, lesen verbotene westliche Bücher, nehmen an konspirativen Treffen teil. Dann verschwinden sie. Nach Wochen der quälenden Ungewißheit schaffen es die Eltern endlich, ihre Söhne wiederzufinden: hinter Gittern. Dort bleiben sie für Jahre, werden nach einem Schauprozeß weggesperrt. In dieser Zeit wächst die kleine Zima von einer verträumten Vierjährigen zu einer engagierten Sechzehnjährigen heran. Sie erzählt uns von den bitterarmen Lebensumständen der Familie, der zehrenden Angst um die Brüder, ihrer Sorge um die Eltern. Sie berichtet aber auch von den kleinen Freuden des Alltags, etwa wie sie nachts unter der Bettdecke über politische Witze kichert. Vor allem erzählt sie immer wieder vom Zusammenhalt innerhalb der Familie - denn das ist es, was ihr Kraft zur Hoffnung gibt. Diese Hoffnung wird am Ende durch die Freilassung der Brüder erfüllt.

          Joke van Leeuwen ist ein präzises Porträt gelungen, das über die Schilderung eines individuellen Familienschicksals hinausgeht. Der Leser erlebt die beengte Wohnsituation der Familie, das Gewusel der Gassen darum herum, die exotischen Gerüche und Gerichte, nicht zuletzt den Alltag der Muslime. Detailliert ausgemalte Szenen wechseln mit zeitlich gerafften Abschnitten, Brutalität und Härte werden fühlbar gerade wegen der Aussparungen des lakonischen Stils. Dabei bleibt Raum für Mädchendinge: Zimas rote Lieblingsschuhe spielen eine Rolle, Besuche im Hammam werden geschildert oder wie Zima das erste Mal duscht - in Kleidern, weil sie es nicht besser weiß.

          Bei aller Authentizität und Anlehnung an das reale Schicksal einer realen Familie ist Joke van Leeuwens Roman poetische Fiktion. In diesem Fall ist das eine glückliche Kombination, denn so wird das, was Zima zu erzählen hat, besonders eindringlich.

          GABRIELE KOSSACK.

          Joke van Leeuwen / Malika Blain: "Jahre ohne Amrar". Aus dem Niederländischen übersetzt von Andrea Kluitmann. Patmos Verlag, Düsseldorf 2006. 160 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 12. J.

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