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Allein der Absatz macht die Frau

Helle Triebfreude: Aris Fioretos durchleuchtet die zwanziger Jahre

Die revolutionären Subjekte des zwanzigsten Jahrhunderts, das waren nicht die Proletarier, sondern die Genitalien. Deshalb ist es sehr plausibel, daß der Roman von Aris Fioretos über die wilden Zwanziger mit beherztem Zugriff unterhalb der Gürtellinie ansetzt. "Die Wahrheit über Sascha Knisch" ist ein raffiniertes Buch der geschlechtlichen Verwandlungen und Täuschungen, geschrieben von einem Autor mit schwedischem Paß, griechischem Namen, österreichischen Vorfahren und Berliner Adresse.

Kommissar Manetti, das "Meisterhirn", entpuppt sich zur Überraschung des Ich-Erzählers Knisch als Frau, und auch der Sexualwissenschaftler Felix Karp ist kein Mann. Aber warum wundert Knisch sich eigentlich darüber? Wird der knapp dreißigjährige Kinomaschinist doch selbst in Zimmer 202 eines Berliner Stundenhotels regelmäßig zum Mädchen. Es ist eine harte Zeit (die Handlung spielt im hitzebrütenden Sommer 1928), und für eine schöne Stunde trägt Knisch schon mal die gesamte Monatsmiete zu seiner "Madame" namens Dora Wilms.

Gleich im ersten Kapitel sitzt das Mädchen mit einer Schleife um den Penis in Doras Kleiderschrank. Dort hinein mußte Knisch rasch verschwinden, weil plötzlich noch jemand an der Tür klingelte. Als er nach einer träumerischen Stunde im Dunkeln eigenmächtig aus dem Möbel steigt, liegt Dora tot auf dem Bett. Ein Krimi also, mit furiosem Auftakt. Wer immer Dora getötet hat, Knisch ist jetzt sehr verdächtig. Bald nimmt die Polizei seine Witterung auf. Wie es im Kriminalroman, mit dessen Mustern Fioretos spielt, Tradition hat, rollt Knisch nun in Eigenregie und mit hohem Risiko den Fall auf, in den er unversehens verwickelt wurde.

Wer hatte Grund, die Prostituierte zu ermorden, mit der er sich nicht nur durch die enthusiastischen Stunden in Zimmer 202, sondern längst auch durch eine an Liebe grenzende Freundschaft verbunden fühlte? Die Wahrheit ist verwinkelt und neigt dazu, sich zu entziehen. Auf jeden Fall reicht sie weit in die Vergangenheit zurück und nimmt bald die Züge einer Verschwörung an. In deren Mittelpunkt steht das Institut des Medizinalrats Froehlich, unschwer als literarische Verarbeitung des von Magnus Hirschfeld 1919 gegründeten Instituts für Sexualwissenschaft zu erkennen. Es geht um heikles Filmmaterial, illegale Adoptionen und diverse Sonderformen der Lust.

Mit viel Witz und Verstand inszeniert der 1960 geborene Fioretos in seinem zweiten Roman den Berlin-Mythos der großen sexuellen Ökumene, in der jeder nach seiner Façon selig werden mochte. Froehlich/Hirschfeld erscheint als Mann der Emanzipation und libidinösen Selbstbestimmung. Keine Veranlagung ist unwichtig, keine Abweichung uninteressant! Diese Devise, die heute eher wie das einschaltquotenträchtige Sendekonzept mancher Fernsehmagazine klingt, stand seinerzeit für eine heilig-aufklärerische Mission. Froehlich/Hirschfeld war der Einstein des Sex, der auf seinem Gebiet eine Relativitätstheorie entwickelte. Milliarden Menschen und nur zwei Geschlechter? Hirschfeld sah statt dessen unendlich viele Grade, Abstufungen, Mischungen. Das Bollwerk des rigiden Geschlechtsunterschieds abzutragen lag im Stil der Zeit. Man erinnere sich, wie emphatisch der sonst so ironische Hans Castorp im "Zauberberg" für den unmännlichen Mann und die Frau ohne Weibchenattitüde plädiert.

Es waren die großen Jahre der sexuellen Evangelisten. Die vagabundierende Erlösungssehnsucht, die politisch ins "Dritte Reich" mündete, nahm sich auch des Unterleibs an. Gegenspieler von Froehlich und seiner "Weltliga für Sexualreform" ist der finstere Männerbündler Horst Hauptstein. Die Testikel sind ihm das Symbol für Kameradschaft, denn sie sind immer zu zweit. "Der Hodensack ist unser Gral, der ideale Samen unser Ziel." Bis hin zu den sogenannten "Hodenfilmen" hat Fioretos den schrägen sexuellen Diskurs der Zwanziger auch in den präfaschistischen Varianten rekonstruiert. Weniger Mühe hat er allerdings auf den Schauplatz Berlin verwendet. Es gibt mäßig originelle phallische Assoziationen (der ragende Funkturm), und überhaupt ähnele die Topographie der Stadt einem Hodensack. Aber was ähnelt, so gesehen, eigentlich nicht einem Hodensack? Ansonsten begnügt sich Fioretos mit ein paar Kulissenwänden. Zeitkolorit wird durch einige atmosphärische Stichworte vermittelt. Wie in vielen neueren Berlin-Romanen dient die Stadt vor allem als Projektionsfläche und hat wenig mit der brodelnden Lebenswelt zu tun, die Döblin einst beschrieb.

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Veröffentlicht: 22.07.2003, 12:00 Uhr