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Aljoscha Brell : Wenn man völlig überfordert ist

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Aljoscha Brell in Neukölln: Nein, es geht nicht um den Kiez. Es geht um Kress. Der ist auch weitaus interessanter als Kaffeesorten-Namedropping. Bild: Andreas Pein

Man möchte diesen Feingeist so gern schützen: „Kress“ ist eine einzigartige Figur der Gegenwartsliteratur. Eine Begegnung mit dem jungen Schriftsteller Aljoscha Brell in Berlin-Neukölln.

          Es gibt wieder einen Herrn K. in der literarischen Welt. Er läuft im Cord-Sakko durch die Mensa der Freien Universität in Berlin und blickt voller Verachtung auf seine geistig minderbemittelten Kommilitonen. Seine Wochenenden verbringt er mit Ketchuptoastbroten und einer alten Hermes 3000 in einer heruntergekommenen Neuköllner Hinterhofwohnung. Er hasst Sonnenlicht, die Haltebügel in der U7 und Menschen, die zu spät kommen. Eigentlich alle Menschen. Aber vor allem die, die zu spät kommen. Sein Forschungsgebiet ist nicht Kafka, sondern Goethe, beim Laufen verschränkt er die Hände hinter dem Rücken, und einen Titel für seine Autobiographie hat er schon längst. Nur ein richtiges Leben, das fehlt ihm noch.

          „Kress“ heißt der Debütroman des jungen Schriftstellers Aljoscha Brell. Und um nichts als um diesen Kress geht es. Um seine Neurosen, seinen Geltungsdrang und seine Verbitterung darüber, auf andere nicht so phänomenal zu wirken wie auf sich selbst. Es ist ein Buch über einen, der irgendwie immer fehl am Platz ist, andauernd enttäuscht wird und doch nicht aufgeben will. Geschrieben hat es sein Doppelgänger. Brell, gerade 35 geworden, hat lange gebraucht, um genug Mut zu fassen, um anzufangen und alles preiszugeben. Aber jetzt ist sie da. Draußen. Für immer. Die Geschichte von Kress.

          Wie ein Fisch, nur viel schöner

          Kress ist siebenundzwanzig. Und er ist besser als alle anderen. Seinen Vornamen hütet er wie seine historisch-kritischen Gesamtausgaben. Er ist Kress, alles andere wäre ihm zu intim. Genauso wie über seine Mutter zu reden, die immer nur weinte und trank, bevor sie starb. Das geht niemanden etwas an. Seit sieben Jahren wohnt er jetzt in Berlin. Morgens kommt ein grau-weiß gescheckter Tauberich vorbei, mit dem er die Weltlage erörtert und Multivitamintabletten teilt. Den Tag verbringt er in der Bibliothek. Zwei Mal pro Woche ein kurzer Ausflug zu Lidl. Sonst ist da wenig. Nur Kress. Und seine Goethehausarbeiten. „Einsamkeit ist die Daseinsvoraussetzung des geistig tätigen Menschen“, redet Kress dem Tauberich ein.

          Aber dann ändert sich plötzlich alles: Sein Lieblingsprofessor meldet Zweifel an seiner Tauglichkeit zum Literaturwissenschaftler an, die Bankkarte bleibt im Automaten stecken, und im Kleist-Seminar setzt sich ein zu spät kommendes Mädchen neben ihn. Ein Mädchen mit hervorstehenden Augen so wie bei einem Fisch – nur viel, viel schöner. Von jetzt an wird das Leben zur Überforderung. Kress verheddert sich im Zwischenmenschlichen wie eine Fliege im Spinnennetz. Jedes Gespräch ein einziges Fiasko. Er denkt bald nur noch an das verspätete Mädchen, will es sehen, ihm seine Liebe beweisen. Aber sie nennt ihn „Freak“ und schnappt ihm die Mitarbeiterstelle bei seinem Lieblingsprofessor weg. Und Kress, dieser unerschütterlich Schwierige, der weder ein Zelt zusammenbauen noch einen Liebesbrief schreiben kann, bäumt sich gegen sein Schicksal auf. So lange, bis es ein kleines, nur ein ganz kleines bisschen nachgibt.

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